Am Anfang war die Feder

Schriftstellerische Tätigkeiten für Anfänger und Laien ohne Zwänge der deutschen Rechtschreibungspflicht - Portal für ein freundliches Miteinander im Austausch von Dichtern und Textern die Spaß am Schreiben haben
Aktuelle Zeit: 25. Jun 2019, 08:34


Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Der Fischer und sein Boot
BeitragVerfasst: 7. Sep 2011, 17:09 
Offline
Lehrerin (09)
Lehrerin (09)
Benutzeravatar

Registriert: 03.2011
Beiträge: 672
Geschlecht: weiblich
Der Fischer und sein Boot

Es war einmal ein Fischer, der liebte sein Boot über alles. Täglich reinigte er es, so dass es stets glänzte und blitzte. Es war das glänzendste Boot auf dem ganzen See. Darauf war er sehr stolz und jeden Tag fuhr er hinaus, um Heringe zu angeln. Stets warf er die Angel aus, lehnte sich zwischen den Bänken zurück, zog die breite Hutkrempe tief in die Stirn und wartete, bis etwas anbiss. Oft machte er keinen guten Fang und kam mit leeren Händen nach Hause. Das regte seine Frau sehr auf, denn die Kinder müssten etwas zu beissen haben, hielt sie ihm vor. Sie könnten doch nicht immer nur von Getreide leben. Doch der Fischer erwiderte nie etwas, flüchtete einfach jeweils nur zu seinem Boot und reinigte es.
So geschah es eines Tages, als er in der Abenddämmerung draussen am Kai stand und sein Boot reinigte, dass sich das Tau plötzlich löste. Sofort reagierte der Fischer, hüpfte in sein Boot und ergriff das Ruder. Doch statt ans Ufer zurückrudern, fuhr er hinaus. Warum sollte er denn auch nach Hause gehen und sich nur erneut von seiner Frau beschimpfen lassen? Sollte sie es doch alleine machen, wenn sie sowieso alles besser konnte. Und wie er so gemütlich daher ruderte, bemerkte er nicht, dass ihm etwas folgte. Auf der Wasseroberfläche hatte sich ein breiter, dunkler Schatten gebildet, doch den Fischer interessierte das nicht. Es konnte ja irgendetwas sein.
Doch was es war, schockierte ihn zutiefst. Völlig unerwartet schoss eine riesige Schlange an die Luft und fauchte ihn an. Er konnte sich nicht erklären, was das war oder wie es so etwas geben konnte. Er sah nur, dass es die Form einer Schlange hatte, nur dicker, den Kopf eines Drachen, nur schmaler, einen breiten Mund mit grossen, spitzigen Zähnen und pechschwarze Haut. Sein Kleid war nicht wie erwartet schuppig, sondern glatt und geschmeidig. „Aaah!“, schrie der Fischer auf. „Hiilfeee!“
Die Seeschlange brüllte ihn an. Ein hässliches, schrilles Geräusch war das. „Schrei doch nicht so!“, sagte sie dann mit tiefer, hohlklängiger Stimme. „Ich habe nicht vor, dich zu verletzen.“
„Aber was willst du dann?“, fragte der Fischer mit Angst in den Augen.
„Ich will dir ein Angebot machen.“
„Was für ein Angebot?“ Der Fischer war verwirrt. Natürlich war so ein Angebot etwas Feines, aber von so einem Ungeheuer? Nicht nur, dass er nicht wusste, wie das Ding existieren konnte, nein, jetzt wollte es ihm auch noch ein Angebot machen. Das kam ihm schon eher seltsam vor.
„Gib mir dein Boot“, sagte das Ungeheuer. Ha! Hatte er es doch gewusst! „Und ich werde dich reich machen.“
„Und was, wenn ich dir mein Boot nicht geben will?“, sagte der Fischer.
„Dann wirst du nie wieder an Land zurückkehren können.“
Der Fischer glaubte dem Wesen nicht. Was konnte es ihm schon anhaben? Und sein Boot würde er auf keinen Fall weggeben. „Wie willst du das verhindern?“
„Das wirst du dann sehen.“
„Das ist kein Angebot, das ist Erpressung.“
Das Tier brach in schallendes, tiefes Gelächter aus. „Glaubst du wirklich, das interessiere mich? Fischer, dummer Fischer. Siehst du nicht, was ich bin? Nun, denn, so sei es!“
Und das Tier verschwand. Der Fischer atmete auf und setzte sich hin. Ein paar Minuten lang wagte er nicht, das Ruder zu ergreifen. Erst als er sich definitiv in Sicherheit währte, machte er Anstalten, zurückzufahren. Doch er kam nicht weit. Sofort bildete sich um ihn eine Eiswand, die tief ins Wasser hinein reichte und ihn auf einem kleinen Fleck mitten auf dem See einschloss. Der Fischer schrie nach Hilfe so laut er konnte, doch es half nichts. Die Eiswand konnte nicht durchbrochen werden, denn sie ward von niemandem gesehen. Nur der Fischer konnte sie sehen, doch er konnte sie nicht durchbrechen. Er hatte ja weder Pickel noch Axt dabei. Und so verharrte er bis in alle Ewigkeit in seinem Eisklotz.
Die Dorfbewohner jedoch wunderten sich, wenn sie auf den See hinausblickten, denn da hockte der Fischer, in der Mitte des Sees, Tag für Tag und rührte sich nicht. Er schien verzweifelt, doch er kam auch nicht zurück. Alle sahen ihn und jeder fragte sich, was er denn da draussen mache, sein Boot bekäme doch Wasserschäden. Ob er nicht zu seinen Kindern nach Hause käme. Doch seine Frau wusste genau, was los war und sagte immer nur: „Er läuft wieder einmal vor seinen Problemen davon. Er hat uns verlassen und jetzt kommt er aus seinem Kummer nicht mehr heraus. Typisch Mann.“ Und bald fand sie einen neuen Mann, einen Bauer dieses Mal, der die Kinder vernünftig versorgen konnte und mit dem sie bis ans Ende ihrer Tage glücklich wurde.

_________________
Wenn du nicht für etwas stehst, wirst du für irgendetwas fallen.


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
Vista theme by HelterSkelter © 2007 ForumImages | Vista images © 2007 Microsoft | software © phpBB®
phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker