Am Anfang war die Feder

Schriftstellerische Tätigkeiten für Anfänger und Laien ohne Zwänge der deutschen Rechtschreibungspflicht - Portal für ein freundliches Miteinander im Austausch von Dichtern und Textern die Spaß am Schreiben haben
Aktuelle Zeit: 18. Sep 2020, 15:40


Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 7 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Spring!
BeitragVerfasst: 18. Dez 2011, 12:10 
Eine Gruppe Reisender, eine kleine Karawane, ziehen durch ein Tal, irgendwo im Altai-Gebirge, kommen in eine Art Dorf, einer davon anscheinend etwas anders als die anderen, ein Japaner, Fremder, Diener eines der anderen Reisenden, eher unscheinbar bis auf diese Andersartigkeit eben. Der Rest, Mongolen, Kasachen, wie eben in dieser Gegend üblich. Etwas gedrungener, plumper, dunkler als er.

Die Karawane passiert eine Gruppe Frauen, die auf einem Feld arbeiten. Man sieht einander an, grüßt sich. Und plötzlich erstarrt der kleine Japaner. Denn was er sieht ist jemand wie er selbst. Nur weiblich. genau mit dieser helleren Haut, den etwas anderen Augen, und für ihn einfach betörend schön. Sie sieht ihn kurz an, lächelt und sieht sogleich weg. Er ist ziemlich verwirrt, durcheinander. Seltsame Gefühle, die er so nicht kennt, überfluten ihn.

Eigenartigerweise gibt es kurz hinter dem Dorf eine Panne, ein Rad eines der Wagen ist defekt, die Karawane dreht um, man beschließt, im Dorf, auf dem Dorfplatz zu übernachten. Irgendwann in der Nacht wird der Japaner wach. Etwas irritiert ihn.

Etwas außerhalb des Lagers steht sie, diese Frau, beinahe noch ein Mädchen, als sie sieht, dass er sie bemerkt hat, deutet sie in eine Richtung, auf einen Berg hin, und verschwindet, lächelnd.

Vorsichtig, leise, damit die anderen nicht erwachen, steht der Mann auf, schleicht aus dem Lager. Ein weg führt in die Richtung, in die die Frau gedeutet hatte. Es ist dunkel, doch der Mond gibt genügend Licht um sich zurechtzufinden.

Der Weg führt bergauf, auf eine Art Klippe, weit über dem Dorf aufragend. Es dauert, bis der Mann oben angelangt ist. Direkt am Rand der Klippe steht ein einsamer Baum, groß, dem Wind ausgesetzt, und doch anscheinend sehr alt. Der Weg scheint hier zu enden.

Auf einmal steht die Frau da, ihn wieder so seltsam anlächelnd. Sie spricht kein Wort, geht langsam auf ihn zu, küsst ihn sanft auf die Wange, und geht langsam in Richtung der Klippen. Dreht sich um, lächelt ihn an, und springt. Dem Mann stockt das Herz, setzt schlagartig aus. Er läuft bis zum Rand, versucht, hinunter zu sehen, ihm wird schwindlig.

Angst kommt hoch, als ihn plötzlich ein ihm fremdes Geräusch dazu bringt, sich umzudrehen, und ihm sofort drauf dazu bringt, sich in neuerlicher Panik auf den Boden zu werfen. Er kann nicht glauben, was er da gesehen hat. Er dreht sich vorsichtig um, tatsächlich, da, über ihm, in der Luft, fliegt ein gewaltiger, graugrüner Drache.

Zieht seine Kreise, um auf einmal wieder auf ihn herabzustoßen.

Der Mann hat Todesangst.

______

Der Vater schreit, wie üblich, seine Kommandos. Der Junge hasst ihn. Und diese andauernde, demonstrative Wichtigtuerei, das Machtgehabe der Krieger, wie sein Vater einer ist. lauter Lügen, und doch, machtvolle Lügen. Alle ziehen den Kopf ein, wenn sein Vater wütend ist. Es gibt hier, auf dieser Burg, nur einen Gott, seinen Vater.

Unumstritten.

Männer wie Frauen werden ausgepeitscht, bestraft, getötet, wenn's sein muss, sobald sie sich Befehlen widersetzen oder etwas nicht mehr ertragen können oder wollen.

Absolute Macht in den falschen Händen.

Und er selbst soll in die Fußstapfen dieses Mannes treten? So werden, sein, wie er? Wie denn? Kommt doch viel zu sehr nach seiner Mutter. Viel zu weich, zu sanft. Spürt zu viel.

Das Leben tut weh. So viel Schmerz rundum. Und wenig davon müsste tatsächlich so sein.

Eines Tages hält er es nicht mehr aus, widersetzt sich seinem Vater, der prügelt ihn die halbe Burg hinunter, bis an die letzten Stufen einer Holzkonstruktion, die direkt an den Strand, zum Meer führt.

"Wenn ich nicht der Sohn bin, den du willst, warum tötest du mich dann nicht einfach?"

Der Vater zieht das Schwert, holt aus, der Sohn lächelt. Er hätte vielleicht nicht daneben treffen sollen. Tat er nie, wenn er nicht wollte. Konnte er das doch nicht?

Das Schwert, das verhasste Symbol seiner Macht, steckt, statt im Hals des Jungen, im Holz daneben. Der Junge lächelt noch immer. Der Vater, selbst gerade, im Erkennen seiner Tat, kreidebleich geworden, weicht zurück. Der Junge zieht das Schwert aus dem Holz.

Lächelt immer noch. Das Meer rauscht. Salz in der Luft. Dann kommen die Tränen, und, zwei Schläge. Der erste trifft den Vater an den Knien, durchtrennt die Beine völlig, Blut spritzt nach allen Seiten, der Mann schreit auf, vor Schmerzen. dann die Gegenbewegung, durchtrennt auch noch den rechten Arm, schlägt ihn ab. Verbunden mit einem Schrei des Jungen, so schmerzvoll, dass er in dem einen Fall den des Vaters sogar übertönt.

Das Schwert fällt zu Boden, Bedienstete eilen herbei, der Vater wird, zwar völlig verkrüppelt, überleben, aber, es wird wohl nichts mehr wie zuvor sein.

Der Junge, erschrocken über sich selbst, und zugleich eigenartig erleichtert, flieht, läuft davon. Verlässt sogar das Land. Bis ans Ende der Welt. Für ihn selbst.

Von Japan aus ist der Altai durchaus das Ende der Welt.

_____

Der Drache stürzt herab, auf ihn zu. Keine Chance, kein Entkommen. Und irgendwie fasziniert er ihn. So schön, auf seine Art, so kraftvoll, mächtig.

Die Schuppen schillern eigentlich in allen Farben, wenn man genau hinsieht.

Seltsam, diese Augen. So schön. Erinnert ihn an was.

Auf einmal ist der Drache weg. Stattdessen steht diese Frau vor ihm, lächelnd.

Zauberei, Hexerei?

Sie spricht in einer fremden Sprache zu ihm. Die Worte versteht er nicht, aber die Bilder, die sie auslösen. Er antwortet in seiner Sprache, sie lächelt noch mehr, scheint ihn zu verstehen. Langsam begreift er, dass es um die Bilder geht, eine Art Telepathie.

Sie "sprechen" miteinander, und langsam sickert ein Begriff, ein Wort mehr und mehr durch, beinahe ein Befehl: "Spring!"

Sie nimmt seine Hand, zieht ihn zu den Klippen, lächelt, weist hinunter, hinaus.

Er hat wieder Angst. Mehr als jemals zu vor. Mehr als sogar vor seinem Vater.

Wieso lächelt sie? So? Was läuft da? Was will sie von ihm?

"Spring!"

Sie springt, verwandelt sich mitten im Sturz, der Drache zieht eine Kurve, landet neben ihm, sie lächelt. Ihm schlottern die Knie. Er wird beinahe ohnmächtig.

Dieses gottverdammte Angst!

Er beißt die Zähne zusammen, wenn nur diese Angst nicht wäre. Andererseits, was hat er schon zu verlieren? Hier, als Diener, Begleiter einer armseligen Karawane, die genauso gut am nächsten Tag von Räubern überfallen werden kann?

"Spring!" Er sieht sie an, sie nickt, er springt. Fällt, der Wind verzieht ihm das Gesicht, nichts geschieht. "Ich sterbe!" denkt er. Sie "ruft" ihm was zu. "Denke an mich!" Erinnere dich wie ich aussah! Stelle dir vor, das wärst du! Stelle dir vor, du wärst ich! Wie ich!"

Drachen! Plötzlich hat er ihre Augen wieder, und die Form dazu, konzentriert sich darauf, als ob er selbst in sie hineinschlüpfen würde. Es wird still, etwas ist anders.

Ist das schön!

Ein etwas kleinerer grüngrauer Drache nähert sich einem anderen, rot-schwarzen, der langsam an Höhe gewinnt, sie umkreisen einander, darüber ein voller gelblich-weißer Mond.

_____

Drachen paaren sich, so selten das geschieht, in vollen Flug, in der Luft, und immer ist sie es, die sich den Gefährten selbst erwählt.

Noch viel seltener entstehen daraus Junge, Drachen sind unsterblich. Es würde die Balance zu sehr stören. Aber, das Band, die Verbindung, die daraus entsteht, hält meistens ziemlich lange. Ganz egal, wo sich einer von beiden befinden mag.

_____

Am nächsten Tag zieht die Karawane weiter, und ein kleiner Japaner lächelt.

Einige Zeit darauf kehrt er alleine in dieses Dorf zurück. Baut sich selbst eine Hütte, und scheint sich mit eine bestimmten Frau sehr gut zu verstehen. Irgendwann zieht sie zu ihm.

_____

Reisende, die in dieser Gegend unterwegs sind, erzählen mitunter, dass sie in Vollmondnächten mitunter glaubten, zwei riesige Schatten am Himmel gesehen zu haben. Beinahe, als ob es Drachen gewesen wären. Wolken können seltsame Formen annehmen, und die Fantasie ein Übriges dazu tun. Schließlich weiß doch jedes Kind, dass es Drachen gar nicht gibt.

Vielleicht wissen Drachen ja, dass es Menschen gar nicht gibt...


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Spring!
BeitragVerfasst: 18. Dez 2011, 12:38 
Offline
Administratorin
Administratorin
Benutzeravatar

Registriert: 09.2010
Beiträge: 2985
Wohnort: Niederösterreich
Highscores: 10
Geschlecht: weiblich
Wau, das hat mich jetzt umgehauen. Phantastisch. smilies/herzen-smilies-018102.gif


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden E-Mail senden Persönliches Album  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Spring!
BeitragVerfasst: 18. Dez 2011, 12:56 
Liebe Muse!

Du solltest mich vielleicht nicht gleich so mit Lob überschütten, sonst schlägt mein Hang zum Größenwahn doch eventuell zu stark durch.
Bin das zu wenig gewöhnt, fürchte ich.

Aber schön ist's doch! Danke sehr!
smilies/banana.gif smilies/hug3.gif :0337rainbow:


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Spring!
BeitragVerfasst: 18. Dez 2011, 12:59 
Offline
Administratorin
Administratorin
Benutzeravatar

Registriert: 09.2010
Beiträge: 2985
Wohnort: Niederösterreich
Highscores: 10
Geschlecht: weiblich
Was wahr ist muß ich auch sagen, lach
Hat mich wirklich umgehauen. smilies/smilie-gross_312.gif


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden E-Mail senden Persönliches Album  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Spring!
BeitragVerfasst: 18. Dez 2011, 13:33 
Muse hat geschrieben:

Was wahr ist muß ich auch sagen, lach


Dagegen kann ich nunmal nicht allzuviel sagen, fürchte ich. smilies/ziggi.gif


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Spring!
BeitragVerfasst: 18. Dez 2011, 13:41 
Offline
Gelehrte (06)
Gelehrte (06)
Benutzeravatar

Registriert: 09.2010
Beiträge: 4880
Wohnort: mars
Highscores: 2
Geschlecht: weiblich

hey faydit, da ist muse nicht allein damit...
auch ich bin ganz schön platt...sprich: umgehauen...
wirklich, ist zum tiefsten hineinversinken...

verbeug und respekt...
smilie_love_033.gif smilies/danke.gif GroupHug.gif

_________________
Bist du in einem Tempel oder ist ein Tempel in dir ?
Und wenn... ist es ein Tempel oder ein Basar ?
Und... ist Dein Tempel im Garten oder Dein Garten im Tempel ?


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden E-Mail senden Persönliches Album  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Spring!
BeitragVerfasst: 18. Dez 2011, 17:42 
Offline
Moderatorin
Moderatorin
Benutzeravatar

Registriert: 10.2010
Beiträge: 1662
Wohnort: niederösterreich
Geschlecht: weiblich
oh ja, lieber faydit, wie du ja weißt, bin ich schon länger ein fan deiner beiträge, und du siehst, es gibt noch mehr fans....

genieße dein lob

deine geschichten sind fantastisch und ich freue mich sehr, dich hier in diesem forum begrüßen zu dürfen...

bitte mach weiter so...wir freuen uns auf deine beiträge...

alles liebe von noney smilies/blume0019.gif

_________________
Liebe lebt, weil sie liebt. Die Liebe lebt, weil sie gibt.


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden E-Mail senden  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 7 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
Vista theme by HelterSkelter © 2007 ForumImages | Vista images © 2007 Microsoft | software © phpBB®
phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker