Am Anfang war die Feder

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 Betreff des Beitrags: Fabeln
BeitragVerfasst: 6. Nov 2011, 17:34 
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Das Lamm und der Wolf
Ein Lämmchen löschte an einem Bache seinen Durst. Fern von ihm, aber näher der Quelle, tat ein Wolf das gleiche. Kaum erblickte er das Lämmchen, so schrie er:
"Warum trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?"
"Wie wäre das möglich", erwiderte schüchtern das Lämmchen, "ich stehe hier unten und du so weit oben; das Wasser fließt ja von dir zu mir; glaube mir, es kam mir nie in den Sinn, dir etwas Böses zu tun!"
"Ei, sieh doch! Du machst es gerade, wie dein Vater vor sechs Monaten; ich erinnere mich noch sehr wohl, dass auch du dabei warst, aber glücklich entkamst, als ich ihm für sein Schmähen das Fell abzog!"
"Ach, Herr!" flehte das zitternde Lämmchen, "ich bin ja erst vier Wochen alt und kannte meinen Vater gar nicht, so lange ist er schon tot; wie soll ich denn für ihn büßen."
"Du Unverschämter!" so endigt der Wolf mit erheuchelter Wut, indem er die Zähne fletschte. "Tot oder nicht tot, weiß ich doch, dass euer ganzes Geschlecht mich hasset, und dafür muss ich mich rächen."
Ohne weitere Umstände zu machen, zerriss er das Lämmchen und verschlang es.
Das Gewissen regt sich selbst bei dem größten Bösewichte; er sucht doch nach Vorwand, um dasselbe damit bei Begehung seiner Schlechtigkeiten zu beschwichtigen.
Aesop


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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 6. Nov 2011, 18:23 
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Danke für die Geschichte, Muse, auch wenn sie sehr traurig ist. Traurig aber wahr.

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Wer auf dem Ozean des Lebens segelt, ist gut darin beraten, sich mehr nach den Sternen zu richten als nach anderen Schiffen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 6. Nov 2011, 19:00 
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Ich kenne noch andere Varianten dessen ^^

Von Gotthold Ephraim Lessing:
Der Durst trieb ein Schaf an den Fluss, eine gleiche Ursache führte auf der anderen Seite einen Wolf herzu. Durch die Trennung des Wassers gesichert und durch die Sicherheit höhnisch gemacht, rief das Schaf dem Räuber hinüber: "Ich mache dir doch das Wasser nicht trübe, Herr Wolf? Sieh mich recht an, habe ich dir nicht etwa vor sechs Wochen nachgeschimpft? Wenigstens wird es mein Vater gewesen sein." Der Wolf verstand die Spötterei; er betrachtete die Breite des Flusses und knirschte mit den Zähnen. "Es ist dein Glück," antwortete er, "dass wir Wölfe gewohnt sind, mit euch Schafen Geduld zu haben", und ging mit stolzen Schritten weiter.

Oder von Achim Stößer:
Der kleine schwarze Wolf streunte am Bach entlang. Der Wasserlauf war keine halbe Rute breit, und so sprang er ab und zu von einer Seite auf die andere, schnupperte hier an einer der Wegwarten, die am Ufer blühten, stieß da eine Schnirkelschnecke mit der Schnauze an, worauf diese erschrocken die Fühler einzog, und rieb dort seine Lefzen im taufeuchten Gras.

Das Bächlein rauschte, die Vögel zwitscherten und die Morgensonne schob sich über die kahlen Tannenwipfel.

Von Zeit zu Zeit blieb der kleine Wolf stehen, um traurig sein hüpfendes Spiegelbild im Bach zu betrachten, doch bald lenkte ein tanzender Falter ihn ab, und er sprang ihm nach, oder eine Schaumflocke trieb im Wasser, und er versuchte, mit einer Pfote nach ihr zu haschen.

Doch plötzlich, als er gerade um einen Felsen bog, erschrak er, sprang zurück und schob dann mit eingekniffenem Schwanz seine Nase um die Ecke.

Das kleine schwarze Schaf, das dort gelegen hatte, war nicht weniger erschrocken als er und aufgesprungen, als es ihn bemerkte; jetzt stand es reglos, nur ein wenig zitternd, da und blökte: „Komm nur, schwarzer Wolf, komm und zerreiß' mich!"

„Dich zerreißen?" erwiderte der kleine Wolf erstaunt. „Bist du von Sinnen?"


Diese Arten der Fabel hatte ich in der Grundschule das erste Mal gehört oder gelesen ^^ Und da war das Ende überraschend nicht traurig, aber dieses weiß ich von damals nicht mehr...

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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 6. Nov 2011, 19:09 
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Oder:
Der Wolf und das Schaf auch nach Aesop

Ein Wolf, der sich sattgefressen hatte, sah ein Schaf auf der Erde liegen und merkte, dass es sich aus Angst vor ihm hingeworfen hatte. Da trat er heran und machte ihm Mut: "Wenn du mir drei Wahrheiten sagst", sagte er, "werde ich dich freilassen."
Da sagte das Schaf: "Erstens wäre ich dir lieber gar nicht begegnet. Zweitens wünschte ich, da es nun soweit ist, dass du blind wärest. Drittens mögen alle Wölfe verrecken! Wir haben euch nichts getan, und doch seid ihr unsere ärgsten Feind."
Gegen diese Offenheit konnte der Wolf nichts einwenden, und er liess das Schaf laufen.

oder noch eines: von Daniel Wilhelm Triller (1695-1782)

Nachdem es ungefähr sich traf,
Dass hier ein Wolf, und dort ein Schaf
Bei einem Bach zusammen kommen,
Und beide Seiten eingenommen:

So sprach das Schaf, was tu ich hier,
Dass du mit frecher Mordbegier
Mir stets nach meinem Leben trachtest,
Und mich so unbarmherzig schlachtest,
Wenn es mein Unfall mit sich bringt,
Dass dir dein Strassenraub gelingt?

Mit nichten! liess der Wolf sich hören,
Du irrst dich sehr, mein guter Freund,
Denn, tracht ich gleich, dich zu verzehren;
Ists doch so böse nicht gemeint.
Aus keinem Hass entstehn die Triebe,
In meiner dir geneigten Brust;
Dein süsses Fleisch erweckt mir Lust,
Ich fress dich nur aus lauter Liebe.

So macht es mancher falsche Freund,
Er schwätzt von nichts, als lauter Liebe,

Gibt aber dann die schärfsten Hiebe,
Wenn er am allerfrömmsten scheint.
Doch wenn die Bosheit klar erhellet,
Und man ihn drum zur Rede stellet:
Ist er wohl noch so frech zu sagen:
Es ist zwar übel ausgeschlagen:
Doch war es gut von mir gemeint.

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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 17. Nov 2011, 18:32 
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Zeus und das Pferd

"Vater der Tiere und Menschen", so sprach das Pferd und nahte sich dem Throne des Zeus,
"man will, ich sei eines der schönsten Geschöpfe, womit du die Welt geziert, und meine
Eigenliebe heißt es mich glauben. Aber sollte gleichwohl nicht noch verschiedenes an mir zu
bessern sein?" - "Und was meinst du denn, das an dir zu bessern sei? Rede, ich nehme
Lehre an", sprach der gute Gott und lächelte. "Vielleicht", sprach das Pferd weiter, "würde
ich flüchtiger sein, wenn meine Beine höher und schmächtiger wären; ein langer
Schwanenhals würde mich nicht verstellen; eine breitere Brust würde meine Stärke
vermehren; und da du mich doch einmal bestimmt hast, deinen Liebling, den Menschen, zu
tragen, so könnte mir ja wohl der Sattel anerschaffen sein, den mir der wohltätige Reiter
auflegt." "Gut", versetzte Zeus, "gedulde dich einen Augenblick!" Zeus, mit ernstem
Gesichte, sprach das Wort der Schöpfung. Da quoll Leben in den Staub, da verband sich
organisierter Stoff; und plötzlich stand vor dem Throne - das hässliche Kamel. Das Pferd
sah, schauderte und zitterte vor entsetzendem Abscheu. "Hier sind höhere und mächtigere
Beine", sprach Zeus, "hier ist ein langer Schwanenhals; hier ist eine breite Brust; hier ist der
anerschaffene Sattel! Willst du, Pferd, dass ich dich so umbilden soll?" Das Pferd zitterte
noch. "Geh", fuhr Zeus fort; "dieses Mal sei belehrt, ohne bestraft zu werden. Dich deiner
Vermessenheit aber dann und wann reuend zu erinnern, so daure du fort, neues Geschöpf"
- Zeus warf einen erhaltenden Blick auf das Kamel - - "und das Pferd erblicke dich nie, ohne
zu schaudern."

Gotthold Ephraim Lessing


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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 27. Nov 2011, 12:03 
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Der Adler und die Dohle

Ein Adler stürzte sich hoch aus der Luft auf ein Lamm, fasste es mit seinen Krallen und trug es mit Leichtigkeit davon.

Eine Dohle hatte dies mit angesehen, und da sie sich ebenso stark glaubte wie der Adler, flog sie auf einen Widder zu. Aber vergeblich bemühte sie sich, ihn fortzubringen, sie verwickelte sich in die Wolle und konnte nun auch nicht wieder davonfliegen.

Als der Hirte sie zappeln sah, haschte er sie, beschnitt ihr die Flügel und nahm sie seinen Kindern zum Spielzeug mit.

"Ei! Ei!" riefen hocherfreut die Knaben, "wie nennt man diesen Vogel?" "Vor einer Stunde noch", antwortete der Vater, "hielt er sich für einen Adler, musste aber bald einsehen, dass er nur eine elende Dohle ist."

Wage dich nicht an Dinge, die deine Kräfte übersteigen; es gibt sonst zum Schaden noch Spott.

Aesop


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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 27. Nov 2011, 19:48 
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Bist du in einem Tempel oder ist ein Tempel in dir ?
Und wenn... ist es ein Tempel oder ein Basar ?
Und... ist Dein Tempel im Garten oder Dein Garten im Tempel ?


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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 27. Nov 2011, 22:00 
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lg Adamas


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 Betreff des Beitrags: Re: Fabeln
BeitragVerfasst: 17. Dez 2011, 00:25 
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Der Löwe und das Mäuschen

Ein Mäuschen lief über einen schlafenden Löwen. Der Löwe erwachte und ergriff es mit seinen gewaltigen Tatzen.

"Verzeihe mir", flehte das Mäuschen, "meine Unvorsichtigkeit, und schenke mir mein Leben, ich will dir ewig dafür dankbar sein. Ich habe dich nicht stören wollen."

Großmütig schenkte er ihr die Freiheit und sagte lächelnd zu sich, wie will wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein.

Kurze Zeit darauf hörte das Mäuschen in seinem Loche das fürchterliche Gebrüll eines Löwen, lief neugierig dahin, von wo der Schall kam, und fand ihren Wohltäter in einem Netze gefangen. Sogleich eilte sie herzu und zernagte einige Knoten des Netzes, so dass der Löwe mit seinen Tatzen das übrige zerreißen konnte. So vergalt das Mäuschen die ihm erwiesene Großmut.

Selbst unbedeutende Menschen können bisweilen Wohltaten mit Wucher vergelten, darum behandle auch den Geringsten nicht übermütig.

Aesop


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