Am Anfang war die Feder

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 Betreff des Beitrags: Conni.... und das ist mein Leben, ja?
BeitragVerfasst: 2. Nov 2011, 19:37 
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Lehrer (09)
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….

Regen fiel auf die Strasse, kalter Wind kündigte einen frühen Winter an. Graue Wolken zogen am Fenster des Autos rasend schnell vorbei und manchmal schienen die abgefallenen Blätter mit den Wolken Schritt halten zu wollen.
Conni zog sich die Jacke enger um die Schultern. Dass ihr Vater ein notorischer Warmblüter war, verstand sie nicht. Ebenso wenig warum er nicht wenigstens ihr zuliebe die Heizung höher drehte. Unwillkürlich musste Conni an die letzten Winterferien denken. Als sie noch eine Familie waren, als die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war und ihre Mutter und ihr Vater noch nicht von Scheidung gesprochen hatten. Das war nun schon zwei Jahre her und dann stimmte plötzlich nichts mehr. Es fing damit an, dass die Eltern sich immer weniger zu sagen hatten und endete schließlich mit dem Auszug ihres Vaters. Conni war damals neun Jahre alt gewesen. Und ab dem Zeitpunkt, an dem ihre Oma gesagt hatte, dass die Eltern sich scheiden ließen, keine Seltenheit mehr in ihrer Klasse. Der Schmerz kam wieder mit der Erinnerung. Auch jetzt konnte Conni sich nicht erklären, warum eigentlich die Familie auseinander gebrochen war. „Ich werde niemals so was Blödes machen und heiraten“ hatte sie ihren Eltern erklärt. Mutter und Vater hatten sich bei der „Kindesübergabe“, wie es Herr Mennig vom Jugendamt erklärt hatte, zweifelnd angesehen und Conni wartete schon innerlich auf die Diskussion, die nach einem solchen Blick so ziemlich immer folgte. Und auch diesmal blieb sie nicht aus. Conni war dann in ihr Zimmer gegangen und hatte sich ihre Lieblingsmusik laut angestellt. Conni fand, dass Christina Aguillera ihre Gefühle zumindest mit der Musik gut rüberbrachte, dass mit dem Text stand auf einem anderen Blatt. Obwohl sie die auswendig kannte. Aber Englisch war nicht ihr Fall, sie mochte die Sprache nicht gerne, empfand das üben von Vokabeln eher als Zeitverschwendung. Das sorgte natürlich auch für Diskussionsstoff bei den Eltern, die sich gegenseitig Vorwürfe machten, warum Connis Noten nachließen und warum dieses und jenes. „Am Ende reden sie ja doch bloß wieder über sich und vergessen mich“, dachte sie.
Der Gesang ihres Vaters riss Conni aus den Gedanken. „Schools out….for Summmmeer…!“ Conni versuchte, die Sangeskünste ihres Vaters eigentlich sonst zu ignorieren, aber dazu reichte der Platz im Auto nicht. Zwar hatte ihr Vater eine schöne Stimme zum Singen, aber das war’s auch schon. „Er könnte besser singen, wenn er den ganzen Text könnte und nicht ab und zu so falsch singen würde….“ Sie dachte daran, wie er mit ihr früher gesungen hatte als sie noch klein war.
Connis Vater spürte den Blick seiner Tochter. Als er zu ihr hinüber sah, bemerkte er einmal mehr, dass sie die Augen seiner Exfrau geerbt hatte. Auch Anna konnte so durchdringend schauen und mit den Augen mehr sagen, als mit Worten.
„Na, freust du dich denn nicht auf deinen Geburtstag morgen? Immerhin wirst du ja schon 12…“ fragte er und zündete sich nebenbei aus Gewohnheit eine Pfeife an.
Der Qualm des Tabaks glitt durch das Auto und Conni merkte, wie ihr schlecht wurde. Außerdem kamen jetzt die Kurven. Und sie fuhren jetzt auch merklich höher, die Ohren knackten.
„Nein…“, sie zog sich den Schal über die Nase, roch das Waschpulver von zu Hause und meinte dann „… außerdem ist Mama nicht da…“ Conni wusste, dass sie damit ihrem Vater wehtat. Aber sie hatte keine Lust, fröhlich zu spielen, wenn die neue Freundin ihres Vaters mit am Tisch saß und sie dazu aufforderte die Kerzen auszupusten. Aber gesagt hatte Conni ihrem Vater das nie.
Sie sah zu ihm hinüber und sah den Kloß in seinem Hals. „`Tschuldigung…, ich vermiss Mama eben. Irgendwie ist das alles komisch geworden. Immer geht es nur so, dass einer von Euch allein etwas mit mir unternimmt. Warum geht es nicht auch wieder wie früher…?“ Conni war immer leiser geworden beim sprechen, ihr Vater beugte sich zu ihr und fragte „Bitte? Du warst so leise, ich hab dich nicht verstanden….“
„Es tut mir leid, ich wollte dir nicht weh tun!“ sagte sie nun lauter.
Sie spürte die Hand ihres Vaters durch ihr Haar wuseln. Lange Haselnuss farbende Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Als sie Conni wieder aus dem Gesicht strich, schaute sie wieder nach draußen. Sie hatten nun den Wald mit den Fichtenmonokulturen erreicht, durch den Sonne scheinbar nie drang. Immer herrschte hier oben im Harz so ein diffuses Licht, es schien alles immer trostlos, egal zu welcher Jahreszeit, dass hatte Conni schon schnell festgestellt.
„Was war das denn?“
„Was denn, Conni?“ fragte ihr Vater. Er hatte die Strasse im Blick, denn sie fuhren jetzt hinter einem relativ langsamen Laster die Bergstrasse entlang und er schien wieder mal nach einer Stelle zu suchen, um diesen zu überholen.
„Ach nix, ich hab mich verguckt.“ Aber Conni war sich sicher, da hinten im Wald eine Frau stehen gesehen zu haben, die ihr genau in die Augen gesehen hatte und ihr zuwinkte. Aber das konnte gar nicht sein. Conni wusste, dass es hier keine Ortschaft gab, noch nicht mal ein einzelnes Haus. Die letzte Stadt lag schon laut Wegweiser 20km weiter hinter ihnen.
Nach weiteren 15 min Fahrt hatten sie den neuen Wohnort ihres Vaters erreicht. Warum auch immer er sich ausgerechnet diesen Ort ausgewählt hatte, verstand Conni nicht. Die Häuser mit der typischen Holzverkleideten traditionellen Fassade die es eben nur hier im Oberharz gab, sahen alle eher öde und im Nebel, der hier irgendwie immer herrschte, auch schäbig aus. Kaum Menschen auf den Strassen und noch weniger Kinder, anscheinend, in ihrem Alter zum spielen und reden. Irgendwie wirkte der Ort jedes Mal so, als wenn die Bewohner nach und nach beschlossen hatten, wegzuziehen. Als ob diese kleine Ansammlung von Häusern eine Geisterstadt werden würde. „Fast so, wie in den alten Westernfilmen von Papa“, dachte Conni, als sie die Geschäfte, Häuser und Strassen an sich vorüberziehen sah.
Deprimiert sah sie, wie der Vater in die Strasse einbog, in der auch seine Wohnung lag.
„Ich habe eine Überraschung für dich“, sagte er gerade, betont fröhlich. Conni sah zu ihm und bemerkte in dem faden Licht, dass ihr Vater mehr Falten auf der Stirn hatte als noch vor zwei Jahren, er sah richtig grau aus. „Irgendwie wie ausgesaugt…“ dachte sie.
„Was denn?“ Sie bemühte sich um einen fröhlichen Klang in der Stimme und gab sich Mühe zu lächeln.
„Wir bekommen in…“ ein Blick zur Uhr, „so einer Stunde Besuch! Du weißt doch, dass Sylvia einen Sohn hat, nicht? Und sie hat extra für dich einen Kuchen gebacken. Ist das nicht was?“
Der Wagen hielt in dem Moment auf dem Parkplatz vor dem Mietshaus, in dem der Vater eine Dachwohnung hatte. Es sah genauso grau und irgendwie muffelig aus, wie alle anderen Häuser in dem Ort.
„Oh, toll…“ Conni lächelte. „Oh Sch****“; dachte sie aber. Sie hatte keine Lust auf Sylvia oder auf eine von den Erwachsenen geplante „Patchworkfamilienzusammenführung“. Manuela, ihre Freundin zu Hause hatte Conni gesagt, dass Eltern das so machten. Um wieder eine heile Welt oder so zu haben. Manuela wusste eine Menge über diese Dinge, ihre Mutter war bereits dreimal geschieden.

Eine Stunde später deckte Conni den Tisch im Wohnzimmer, faltete Servietten, auf die ihr Vater besonderen Wert legte und ging gerade in die Küche, um den Tee aufzugießen, den Sylvia immer trank, als es klingelte. Conni hörte die Schritte des Vaters, seine Stimme an der Tür, Sylvias und die eines Jungen.
„Hallo Mark, geh doch in die Küche. Conni ist da und macht grade den Tee, vielleicht hat sie Lust nachher mit dir zu spielen…“
„Und dabei weiß er doch, dass ich dann raus will…“ murmelte Conni und merkte, wie die Wut wieder in ihr hoch kroch. Sie wollte nicht spielen, sie wollte weg. Diese gezwungene Fröhlichkeit, die gleich losbrechen würde, wie jedes Mal, wenn Sylvia da war, ging ihr zunehmend auf die Nerven.
„Na? Klecker nicht!“ Mark hatte sich hinter Conni geschlichen und krähte nun vor Vergnügen, als die sich erschreckte und natürlich kleckerte.
„Sag mal, spinnst du?“ Conni drehte sich um, den nassen Lappen in der Hand, der sich wie von selbst seinen Weg in das Gesicht des Jungen zu suchen schien. Doch Mark duckte sich nur und lachte. Er war zwei Jahre jünger als Conni und gut 10cm kleiner. Außerdem schien er immer Schnupfen zu haben denn seine Nase lief ständig und er schien es nicht gelernt zu haben, jemals Taschentücher zu benutzen.
Conni mochte ihn nicht. Sie hatte mal gehört, der erste Eindruck sei der entscheidende für einen Menschen. Den hatte Mark gerade vergeigt.
Und Conni verspürte einmal mehr das Gefühl, unbedingt hier wieder raus zu müssen. Raus aus der Wohnung, raus aus diesem trostlosen Nest, in dem die Menschen immer wie Zombies guckten, raus aus diesen Bergen und überhaupt weit weg. Eigentlich blieb sie nur ihrem Vater zuliebe. Und weil sie immer wieder hoffte, einmal aufzuwachen und die letzten Monate wie ein Albtraum hinter sich zu lassen und mit ihren Eltern wieder gemeinsam zu frühstücken. Wie früher, als eben die Welt noch in Ordnung war.
Mark war inzwischen ins Wohnzimmer gelaufen und petzte seiner Mutter gerade, dass Conni einen nassen Lappen nach ihm geworfen hatte. „Na toll, es fängt wieder an…“ dachte sie. Gleich kam wieder eine Standpauke ihres Vaters und von Sylvia, obwohl die ja nun zu Conni nichts sagen konnte, oder? „Vielleicht will sie mich erziehen“ dachte Conni gerade, als sie merkte, dass ihr Vater ihr eine Frage gestellt hatte.
„Ich habe dich gerade gefragt, was mit dir los ist, Corinna. Warum machst du so etwas? Mark hat dir doch nichts getan.“
„Was mit mir los ist? Was ist mit dir los? Wie kommst du darauf, dass Mark unschuldig ist? Er ist ein echtes Biest. Ich mag ihn nicht und ich will mit dir etwas unternehmen und du hast gesagt, dass nur wir beide was machen, aber jetzt ist Sylvia wieder da, sie ist immer da…“
Das hätte Conni jetzt sagen können. Aber sie schwieg. Ihr Vater hatte sie Corinna genannt. Das tat er nur dann, wenn er wirklich wütend war.
„Er hat mich erschreckt….“, sagte sie stattdessen leise. Aber ihr Vater hörte ihr anscheinend nicht zu. Stattdessen wuselte er durch Marks Haare um ihn zu trösten oder so.
Conni sah Marks schadenfrohes Grinsen. Sah wie sich Sylvia zu ihm beugte und ihm etwas zuflüsterte. Und ihren Vater, der sich ebenfalls zu dem Jungen hinunter beugte und ihm etwas sagte. Conni dagegen stand im Abseits. Und das tat weh. Leise drehte sie sich um und ging zur Garderobe. Sie versuchte die Tränen zurück zu halten und den Schmerz wieder runter zu schlucken. Ihr Vater hatte sie einfach stehen lassen. Früher hätte er sie wenigstens getröstet.

Ein unbestimmbares Gefühl ließ Conni taub werden für Geräusche. Sonst hätte sie gehört, dass ihr Vater nun hinter ihr stand und sie fragte, ob sie denn mit den anderen am Tisch sitzen wolle. Conni sah ihren Vater an. Und der fühlte sich einmal mehr an seine Exfrau erinnert. „Seltsam“, dachte er, als er seine Tochter zu ihrem Stuhl am Tisch dirigiert hatte, „So war sie doch sonst nie. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass die Kinder jetzt anfangen zu rivalisieren oder so etwas. Das müssen wir in den Griff bekommen, wenn das hier klappen soll.“ Er sah Sylvia an. Diese Frau war so ganz anders als seine Ex und Connis Mutter. Sie hatte den Glauben, dass Regeln und Verpflichtungen sehr wichtig in der Erziehung seien. Auch in einer Partnerschaft, dass hatte er inzwischen festgestellt, hatte sie die Hosen an und sagte ganz klar, was sie wollte und was nicht, ohne dass sie Freiräume eingestand.
In Gedanken versunken aß er den Kuchen und merkte nicht, dass Conni in ihrem Stück nur lustlos herumstocherte.

Irgendwann in der Nacht wachte Conni aus einem unruhigen Traum auf. Sie merkte, dass sie geweint hatte, im Schlaf! So was hatte sie noch nie gemacht. Im Zimmer war es nicht vollständig dunkel und sie konnte durch den Schein der Straßenlaterne von gegenüber zumindest erahnen, wo die Möbel standen. Es war das Gästezimmer ihres Vaters und derzeit hörte sie noch andere Atemzüge in dem Zimmer. Auf dem Feldbett an der anderen Wand lag Mark! „Was macht der denn hier?“ fragte sie sich, Und dann hörte sie aus dem Schlafzimmer des Vaters ein leises Gespräch. Sylvia schlief auch hier, bei ihrem Vater! Ein Glas mit Wasser stand neben Connis Bett, wie immer wenn sie schlafen ging. Das Wasser landete kurzerhand im Blumentopf des Kaktus. Das Glas an die Wand gepresst gab das einen Verstärker, erinnerte sie sich aus dem Physikunterricht.
„Du musst mit deiner Tochter darüber reden“ sagte Sylvia gerade. „Sag ihr, dass wir zusammenziehen wollen. Sie ist alt genug. Und dann sag ihr auch, dass sie meinem Sohn nicht nasse Lappen ins Gesicht werfen soll….“
Conni war verstört. Zusammenziehen! Ihr Vater und diese Frau! Warum? Was fand er denn an der? Noch gestern hatte ihre Mutter gesagt, dass sie und ihr Vater eine Lösung finden würden, damit Conni ihn nicht so vermisste und jetzt plante er das Zusammenziehen?
Sie schlüpfte leise aus dem Bett, zog sich leise an und ging dann ebenso leise ins Bad. Licht machte sie nicht an, tastete sich zum Waschbecken vor und nahm aus dem Vorratschrank neben dem Becken eine Rolle Toilettenpapier und eine Packung Streichhölzer heraus. Leise tastete sie sich weiter vor und erfühlte ihren Rucksack, in den sie beides hineinstopfte. Ihr Handy lag noch im Wohnzimmer, aber die Dielen im Fußboden knarrten immer so laut, darum verzichtete sie darauf, es zu holen. Conni hatte keine Lust, noch länger in dieser Wohnung zu bleiben. Anscheinend gab es hier keinen wirklichen Platz mehr für sie. Lieber wollte sie sich den nächsten Bus nach Hause nehmen. Conni wusste, dass ihre Mutter ihr 10 Euro gegeben hatte, „für alle Fälle“, wie sie sagte.
Als sie in ihre Stiefel schlüpfte und in die Jacke, leise die Tür aufschloss, hörte sie aus dem Schlafzimmer des Vaters nun andere Geräusche. Ihr war klar, dass sie nun gehen konnte, ohne dass jemand sie hören würde. Conni kontrollierte nur noch, dass die Geldbörse im Rucksack war und dann ging sie leise zur Tür hinaus.

Als sie schließlich auf der Straße stand und der Wind unfreundlich um die Hausecke pfiff, wusste Conni, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Sie wollte nicht, dass ihr Vater sich Sorgen machte. Also kritzelte sie schnell noch eine Nachricht auf einen Zettel, warf diesen in den Briefkasten und ging in die Dunkelheit der Nacht.
Kurze Zeit später stand Conni am hell erleuchteten Busbahnhof. Alles wirkte irgendwie unwirklich. Fremd und Kalt. Und irgendetwas war hier…Furcht wollte sich in Conni ausbreiten. Ein Schatten regte sich schräg hinter Conni, sie sah es aus dem Augenwinkel. Ein schabendes Geräusch erklang.
Ruckartig drehte Conni sich um, aber es war niemand da, und sie entdeckte auch keinen Gegenstand, der das Geräusch hätte verursachen können.
„Hier ist ja doch niemand“, sagte sie laut, „…aber irgendwo muss hier doch der Fahrplan stehen…“ Um die Nervosität zu vertreiben und auch die Furcht, summte Conni eines ihrer Lieblingslieder, „You are beautifull…“.
Laut las sie sich den Fahrplan, der im Wartehäuschen hing, durch. „Der nächste Bus geht ja erst um 6 Uhr…“, Conni sah auf ihre Armbanduhr, sie hatte noch drei Stunden Zeit. Und zum einfach nur herumstehen war es zu kalt. Während sie nachdachte, was sie also in der Wartezeit machen könnte, ertönte das schabende Geräusch wieder, gefolgt von einem kläglichen Laut. Leise. Aber dennoch nicht zu überhören. Wieder sah Conni sich um. Auf der anderen Straßenseite standen Abfallcontainer, neben denen ein Karton stand. Conni ging hinüber und sah sich den Karton genauer an, das Geräusch schien hier seine Quelle zu haben.
Vorsichtig machte sie den Karton auf. Und erschrak. Jemand hatte hier kleine Katzen ausgesetzt. Zwei Paar Augen schauten sie hoffnungsvoll an, die kleinen Katzenkinder schienen sonst halbwegs wohlauf zu sein, aber sie kauerten frierend in einer Ecke des Kartons. „Was macht ihr denn hier? Und wer hat euch hierher gebracht?“ Die Katzenkinder maunzten. Hier lassen konnte Conni die Tiere nicht, das brachte sie auch nicht fertig, also setzte sie ihren Rucksack ab und nahm einen Pullover heraus, denn sie hatte die Anziehsachen nicht bei ihrem Vater ausgepackt. Das war nun recht nützlich. In den Pullover wickelte sie die Katzen, so dass sie eine Art Nest hatten und so wenigstens vor der Kälte etwas geschützt waren. Aber wie sollte sie die Tiere mitnehmen? In den Rucksack konnte sie sie ja nicht auch noch reinstopfen, also setzte sie den wieder auf, öffnete die Jacke und nahm den Pullover vor ihren Bauch, machte die Jacke wieder zu und merkte, wie die kleinen Katzen sich in diesem warmen Nest einrollten und nicht mehr ganz so kläglich miauten.
„Jetzt gehen wir nach Hause“, sagte sie. „Und vielleicht finden wir ja auf dem Weg zur nächsten Haltestelle ja irgendwo etwas zu futtern für Euch.“ Denn allmählich wurde auch Conni kalt vom Rumstehen und sie wusste, dass man sich bewegen musste, um den Körper warm zu halten. Laut Fahrplan hielt der Bus, wenn er denn dann fuhr, noch zweimal im Ort und dann erst wieder im nächsten Ort. Und der war, dass wusste sie, 5 Kilometer weiter entfernt. Aber das war eigentlich ja auch nicht so weit, Conni war schon viel mit ihrer Großmutter durch Wälder gelaufen und hatte auch schon mehr Kilometer dabei zurückgelegt. Also ging sie los, in die angegebene Richtung.
Auf den Straßen fuhr kein Auto, und in den Häusern schien nirgendwo Licht. Zu Hause war auch nachts oft Licht bei den Nachbarn. Nach Hause. Das schien unendlich weit entfernt zu sein, aber sie wollte jetzt nicht wieder zurück zu ihrem Vater, klingeln und ihm dann erklären müssen, warum sie mit ihren Sachen einen Spaziergang gemacht hätte.

Schließlich erreichte Conni das Ortsende und musste feststellen, dass damit auch der Fußweg zu Ende war. Weiter vorn konnte sie nur Bäume und die Straße sehen, aber sie hatte noch in Erinnerung, dass es da auch einen Forstweg gab, der anscheinend parallel zur Straße durch den Wald führte. „Vielleicht ist es sicherer, da lang zu gehen, wenn jetzt ein Auto kommen würde, die sehen mich vielleicht nicht rechtzeitig.“
Wenig später hatte sie den Weg erreicht. Das Maunzen unter der Jacke war nun einem Schnurren gewichen und gab Conni auch Sicherheit. Sie war nicht allein, hatte jemanden, mit dem sie reden und um den sie sich auch kümmern konnte.
Die Bäume schienen im Wind zu flüstern. Schattenhaft bewegten sich die Äste. Die kahlen Zweige der Sträucher schienen auf Conni zu zeigen. Und da war es wieder: die Bewegung, die sie nur dann sehen konnte, wenn sie aus dem Augenwinkel sah. Und irgendjemand schien hinter ihr zu gehen. Immer wen Conni einen Schritt ging, ging auch der jemand hinter ihr, blieb sie stehen, stand auch der Verfolger, aber dennoch waren da Schritte hinter ihr. Denn derjenige schlurfte. Conni ging nun schneller. Schließlich fing sie an zu laufen. Ihr Herzschlag dröhnte laut in ihren Ohren und die kleinen Katzen maunzten kläglich.
Als sie hinter der nächsten Wegbiegung herum war, entdeckte Conni einen Stapel Holzstämme, hinter denen sie sich verbergen konnte. Sollte der Verfolger ruhig weiterlaufen. Und selbst wenn er bemerkte, dass sie ihn gefoppt hatte, sie würde dann leise durch das Unterholz schleichen. Conni konnte in Wäldern nahezu Geräuschlos sich bewegen, dass hatte sie schon früh gelernt. Als kleines Mädchen war die Großmutter mit ihr immer im Wald gewesen und sie hatten viele Wildtiere beobachten können.
Während Conni an diese schönen Momente dachte, hörte sie die Schritte des Verfolgers sich nähern und etwas schien zu Schnüffeln? Vorsichtig versuchte sie an den Stämmen vorbei zu schauen. Allerdings sah sie nichts. Sie hielt den Atem an. Der Verfolger schlurfte näher…schien sie zu riechen…was war das nur für ein Wesen? Ein Mensch wahrscheinlich nicht, dass schloss Conni langsam aus, ein Mensch bewegte sich anders. Sie presste sich an das feuchte Holz der Stämme und lauschte weiter. Aber, da war nichts mehr, kein Laut war mehr zu hören. Plötzlich sah sie eine Krallenhand den obersten Stamm umschließen
„Du bist Conni. Du wirrrrst errrwarrrtet von ihrrrr….“
Conni schrie vor Entsetzten. Vor ihr stand ein Luchsartiger Mensch, Katzenaugen sahen sie unverwandt an, langes Haar hing in blonden Locken über einem kräftigen Nacken und einer warmen Jacke. Das Wesen trug ganz normale Kleidung, so als sei es nicht immer ein Luchsartiger gewesen mit Katzenohren an denen jeweils ein schwarzer Pinsel dran geklebt zu sein schien.
Conni starrte das Wesen nur an. Und bemerkte beiläufig, dass die kleinen Kätzchen schnurrten. Sie schienen keine Angst vor diesem Wesen zu haben.
„Komm, ich bringe dich zu ihrrrr.“ Und das Wesen nahm ihre Hand. Sie spürte Fell…
„Halt, wer bist du? Wer ist sie und was wollt ihr von mir? Und fass mich nicht an!“ Conni war zwar verwirrt und immer noch leicht panisch, aber sie wollte Bescheid wissen. Sie kannte niemanden hier, der etwas von ihr wollen könnte und deswegen einen Luchsmensch losschicken musste. Normalerweise wurde sie angerufen.
„Ich bin Marrrlon fürrr dich, und du wirrrst von derr Göttin errrwarrtet. Ich werrrde dich führren, du brrauchst keine Angst zu haben. Ich tue dirrr nichts.“
„Aber du …was bist du?“

„Ich bin ich“, sagte Marlon und nahm wieder ihre Hand. „Komm, es wirrrrd Zeit.“
Er führte sie durch den feuchten Wald, auf einem Wildwechsel.
„Aber ich will nach Hause und die kleinen Katzen hier brauchen was zu fressen und wärme und der Bus fährt doch auch bald…“ Conni versuchte sich los zu reißen.
„Ich denke, du wirrrst bald auch nach Hause können. Ich weiss nicht, was sie von dirrr will. Aber ich bin mirrr sicherrr, dass du uns sowieso nicht helfen kannst. Ich brrrrringe dich dann zu deinem Bus.“
Sie gelangten nach einiger Zeit zu einer Lichtung. Und irgendetwas war hier anders. Es war warm, nicht feucht und kalt. Bleiches Mondlicht schien durch die Bäume zu schimmern, und da stand die Frau wieder. Dieselbe Frau, die Conni zu gewunken hatte. Sie war groß und schön, schien jung und zugleich alt zu sein. Sie hatte graue Augen, wie Wolken kurz vor einem Sturm und langes Haar fiel über ihre Schultern. Es hatte die Farbe von Weizen. Sie trug ein Kleid, so Blau wie Kornblumen, dessen Ärmel mit Silber bestickt zu sein schienen und darüber ein Umhang aus lindgrüner Wolle, der von einer silbernen Spange zusammen gehalten wurde.
Marlon hatte sich hingekniet und bedeutete Conni es ihm gleich zu tun, aber die stand wie versteinert da. „Ich kenne dich“, sagte sie schließlich. „Du hast im Wald gewunken. Wer bist du?“
„Ich bin Gaia, deine Vorfahren nannten mich Erdgöttin und verehrten mich. Doch jetzt treten sie mich und meine Geschöpfe mit Füßen. Mein Land geht unter in Dreck und Schmutz, meine Kinder werden gejagt und getötet zum Vergnügen.“ Während sie sprach, erinnerte die Stimme der Frau an Vogelgesang im Sommer, an Wildblumen und Bienen.
„Aber was willst du von mir?“ fragte Conni und dachte, dass sie sicherlich das alles nur träumte. Am Morgen würde sie erwachen und zu Hause sein. Zumindest wünschte sie sich das.
„Dich habe ich beobachtet, seit du als kleines Kind durch meine Wälder gegangen bist. Du bist anders, als die anderen Kinder der Menschen. Du hast Mitleid und ein gutes Herz für die Schwachen. Sonst würdest du nicht versuchen, noch kleine Tiere zu retten und zu beschützen. Lass die kleinen Katzen heraus, hier geschieht ihnen nichts.“
Conni öffnete ihre Jacke und nahm die kleinen Kätzchen aus dem Pullover heraus. Marlon fing an zu schnurren. Das schien die Kleinen zu beruhigen und er nahm sie auf den Arm und verschwand mit ihnen im Wald.
„Wo geht er mit ihnen hin? Was soll das?“ Conni wurde plötzlich unsicher. Was geschah hier eigentlich? Was machte sie hier? „Ich will nach Hause“, murmelte sie leise. Die Frau legte ihr einen Arm um die Schulter.
„Marlon selbst wird dich nach Hause bringen. Er wird den kleinen Katzen jetzt etwas zu fressen geben und sie pflegen. Solange wie du hier bist, werden sie gut versorgt werden, dass garantiere ich.“ Die Stimme der Frau war beruhigend.
„Wer ist Marlon? Sah er schon immer so aus?“ fragte Conni.
„Nein, nicht immer. Er war einmal fast wie ein normaler Junge, aber jetzt kommt seine wahre Natur zum Vorschein. Im Laufe der Zeit wird er sicher ein ganz normaler Luchs werden. Aber das kann er dir am besten sagen, denn es kommt dabei darauf an, was er selbst für sich will.“ Gaia lächelte. „Du denkst, ich sei dafür verantwortlich, nicht?“

Conni schüttelte erst mit dem Kopf. „Na ja, irgendwie ist das schon komisch, oder? Du tauchst mitten im Wald auf. Marlon sieht aus wie eine Katze. Hier auf der Lichtung ist es warm und trocken, mitten im Herbst…“ Sie sprach es nicht aus, aber in Gedanken fügte sie hinzu „… und du wirkst auch komisch, wie eine Hexe irgendwie…“
„Ich bin keine Hexe. Komm, ich zeige dir etwas.“ Noch immer lächelte Gaia und nahm Connis Hand.
„Moment, kannst du Gedankenlesen?“ Conni wollte nicht weiter gehen. Sie wollte so sehr nach Hause zu ihrer Mutter wie nur irgendetwas.
„Ja, kann ich. Und nein, ich kann nicht zaubern. Schön wär´s, aber das geht nicht. Hab keine Angst…“
Conni folgte, wenn auch immer noch nicht ganz sicher, ob sie das Richtige tat. Andererseits, wenn sie jetzt weglief, könnte die Frau vielleicht total ausrasten. Aber bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit würde sie versuchen, weg zu laufen und nach Hause zu kommen.
Gaia führte sie zu einem Höhleneingang. Dieser sah aus wie ein alter zahnloser Mund und aus ihm heraus strömte ein kalter Hauch. Es roch nach Laub und Moos. Ein Licht schien aus dem Dunkel der Höhle zu flackern.
„Bevor ich dich weiter führe in mein Reich und dich mit der Aufgabe betreue, die ich für dich habe, möchte ich, dass du eine Probe bestehst.“ sagte Gaia.
Conni sah die Frau einmal mehr zweifelnd an. Was mochte denn nun noch kommen?
„Unten in der Höhle gibt es eine Kammer, in der etwas von großem Wert für mich liegt, es ist ein Schlüssel, allerdings wird er bewacht. Da ich nicht selbst hineingehen kann, möchte ich, dass du ihn für mich holst, machst du das?“
Wieder lag die Hand der Frau auf Connis Schulter und war warm, irgendwie tröstend.
„Aber wieso kannst du da nicht hinein? Es ist doch nur eine Höhle“, fragte Conni. „Und wieso wird der Schlüssel bewacht, von wem denn?“
Gaia lächelte. „Du stellst viele Fragen, dass ist gut. Aber du wirst die Antwort erst dort unten finden. Magst du mir den Schlüssel bringen?“
Wieder sah Conni auf den Höhleneingang. Irgendwann einmal hatte sie ein Buch gelesen über die Griechen. Da gab es doch ein Labyrinth… wie war das doch noch mal? Ach ja, da gab es diesen Faden, mit dem man wieder raus fand. „Kann ich etwas mit hinein nehmen?“ fragte sie Gaia. Diese nickte. „Ja, alles was du meinst zu brauchen, kannst du mitnehmen.“
„Gut“ meinte Conni und schaute noch einmal in ihren Rucksack. Da waren die Streichhölzer und da das Toilettenpapier. Licht und Faden, sozusagen. Und in einer Seitentasche des Rucksacks war ihr Waldmesser, dass sie eigentlich immer dabei hatte. Eigentlich war es ein Taschenmesser von ihrem Opa, aber sie nahm es immer mit in den Wald, es hatte ihr schon oft gute Dienste erwiesen. Also steckte sie auch das ein. Dann setzte sie sich den Rucksack wieder auf, alles was sie brauchen würde, hatte sie sich in die Jacke gestopft, aber den Rucksack liegen lassen wollte sie trotzdem nicht.
Sie sah sich noch einmal um, sah Gaia, die immer noch lächelte, diesmal aufmunternd, und weiter hinten stand Marlon. Er winkte.
Conni drehte sich um und machte sich daran, in die Höhle zu gehen. Es roch immer muffiger, je näher sie dem Eingang kam, so dass sie sich den Schal über die Nase zog. Dann sah sie auf dem Boden eine alte Fackel liegen. Sie entzündete sie mit dem Streichholz. „Auch nicht doof, dann muss ich die Streichhölzer nicht alle verbrauchen“ dachte sie und beobachtete die tanzenden Schatten an den Höhlenwänden. Ab und zu wuchsen Moose und Flechten noch an den Felswänden, aber je tiefer sie in die Höhle ging, umso mehr wichen diese dem nackten Felsgestein. Conni ging nun dicht an der linken Wand entlang, der Boden in der Mitte war zu uneben geworden. Immer wieder lagen größere Steinbrocken auf dem Weg, und in der Mitte wuchsen Stalagmiten und Stalaktiten, um sich letztlich irgendwann zu vereinen und eine einzige Tropfsteinsäule zu bilden.
Conni kannte diese Formationen aus Höhlen, die sie sich mit ihrer Mutter erst diesen Sommer angesehen hatte.
Und immer wieder sah sie kleine Bilder an der Wand, von Tieren und anscheinend Menschen, wie aus den Steinzeithöhlen. Conni merkte erst jetzt, wie gut es war, dass ihre Mutter verlangt hatte, dass sie viel lesen sollte. Jetzt regte sich das Wissen, das sie schon angesammelt hatte, in ihr und ermöglichte es ihr, sich zurechtzufinden.
Es schienen schon Stunden vergangen zu sein, seit sie in die Höhle gegangen war, und noch immer ging der Weg waagerecht weiter, neigte sich nur hin und wieder und verlief auch ohne enge Kurven. Als hätte ein großer Regenwurm diesen Gang gemacht, dachte Conni und stellte sich den Regenwurm vor. Vielleicht gab es Regenwürmer zu der Zeit der Dinosaurier, fragte sie sich.
Die Bilder an der Wand veränderten sich. Es waren nun nicht länger Tiere und Menschen, sondern Muster und ein Mann mit einem Geweih auf dem Kopf, umringt von Frauen, die ihn zu umtanzen schienen… Solche Bilder hatte Conni noch in keinem Buch gesehen.
Sie sah sich das Bild mit dem gehörnten Mann genauer an. Es schien so, als ob die Figuren sich langsam bewegten. Sie sah genauer hin. Richtig, der Mann wurde größer.
Conni wandte sich um. Bilder, die sich bewegen und die Größe ändern, das war schon reichlich abgefahren.
„Wer bist du?“
Die Stimme klang weich, nett und freundlich. Und männlich. Aber die war doch allein?
Conni drehte sich nicht um, sie wollte weitergehen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Was war hier nur los?
„Dreh dich um“, sagte die Stimme und Connis Muskeln gehorchten ihr.
Sie sah einen Mann, der nur eine Lederhose trug. Auf dem Kopf, zwischen den hellen blonden Locken, wuchs ihm ein Geweih, wie von einem Hirsch. Und er hatte blaue Linien auf dem Körper, die auch wieder irgendwie Kreise formten, wie die Muster vorhin auf der Felswand.
Der Mann musterte Conni seinerseits.
„Was macht ein kleines Mädchen hier in meiner Höhle?“ Irgendwie schien die Frage gerade nicht an Conni direkt gerichtet zu sein.
„Wer bist du? Was willst du hier?“
Es klang nicht unfreundlich, aber Conni wusste nicht, ob sie wirklich antworten sollte, oder nicht doch lieber versuchen sollte, wegzulaufen. Aber ihre Beine wollten sich nicht bewegen, sie fühlten sie an wie eingeschlafen.

….

„Wer bist du denn?“ Sie hatte sich so weit gesammelt, um diese Frage zu stellen. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob das wirklich schlau war, immerhin konnte der da vor ihr auch ein durchgeknallter Irrer sein.
Aber sie wollte nicht, dass er ihre Unsicherheit bemerkte, also stemmte sie die Hände in die Hüften. Merkte, wie das Gefühl wieder in die Beine zurück kam und machte sich innerlich darauf gefasst, schnell wegrennen zu müssen.
Doch der Typ ihr gegenüber schmunzelte nur.
Dann senkte er die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern.
„Ich bin Cervidae. Und eigentlich dürftest du nicht hier sein.“
Seine Stimme klang gut, musste Conni zugeben.
Aber sie blieb auf der Hut.
Zu oft kamen in den Nachrichten Berichte über Gewalttaten gegenüber Schwächeren. Und jetzt war sie schwächer.
Ihr Verstand ratterte.
„Wieso dürfte ich nicht hier sein? Ich hab hier was zu erledigen.“ Antwortete sie leicht gereizt.
„Ach so? Was denn, Conni?“
Sie stutzte. Sie hatte dem Fremden ihren Namen nicht genannt.
Der war mehr als komisch und ihr Unbehagen wuchs ins nahezu Unermessliche.
„Woher weißt du, wie ich heiße?“ Sie wollte ihrer Stimme einen drohenden Klang geben, aber es hörte sich eher an, wie ein Quicken.
Der komische Typ vor ihr lächelte. „Ich weiß eigentlich eine Menge. Auch über dich.“
Er trat noch einen schritt auf sie zu, sie wich zurück.
Er seufzte.
„Also gut. Ich möchte dir keine Angst machen. Sag mir, was ich tun kann, damit du die verlierst?“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Sah ihn an.
Wieder seufzte der Mann, dann sah er kurz weg. Conni überlegte, ob sie jetzt abhauen konnte.
Doch schon sah er wieder zu ihr.
„Weißte was? Ich wollt mir eigentlich einen Kakao machen, bevor ich dich bemerkt habe, wenn du willst, mach ich dir auch einen und dann reden wir in Ruhe, okay?“
„Was?“
„Kakao…???“
Er sah sie nun seitlich an, lachte, als er ihr fassungsloses Gesicht sah.
„Keine Angst, ich mach nix mit dir. Ich bin nicht so einer!“
Woher wusste der Kerl, was sie dachte? Sah man es ihr etwa so deutlich an?
„Also, was ist jetzt? Kommst du?“
Conni sah noch immer skeptisch auf den Mann. Dann aber gab sie sich einen Ruck. Wenn der wirklich was vorgehabt hatte, hätte er sie ja auch schon längst ausknocken können, oder? Also nickte sie nur, ging stumm hinter dem Mann her.

….

Die Gänge waren nur durch ein paar Fackeln erleuchtet. Der Mann ging fröhlich pfeifend vor Conni. Er schien so ganz nett zu sein, auch wenn er echt gewöhnungsbedürftig aussah. Wer trug denn sonst ein Geweih auf dem Kopf?
Dann bog er nach links ab, sie folgte ihm langsam.
Eine Art Zimmer war in den Felsen gehauen. Conni sah hier massenweise Kerzen, alle waren angezündet. Es war richtig warm hier. In einer Ecke des Zimmers stand eine Couch, mit roten Kissen, ein Tisch, auf dem, wie soll es auch anders sein, Kerzen standen, aber auch ein Buch lag. Anscheinend hatte er darin gelesen, denn es war aufgeschlagen. Neben der Couch standen rechts und links Bücherregale, alle beide waren übervoll. Die Bücher lagen schon übereinander.
Sie konnte in einer Nische eine kleine Kochecke ausmachen. In der stand sogar ein Herd. Conni wunderte sich, wie hier wohl Strom herkommen könnte.
Cervidae drehte eben einen Wasserhahn auf und füllte so einen Wasserkocher. Er hatte fließendes Wasser?!
Lächelnd deutete er auf die Couch.
„Du kannst dich ruhig setzten. Ich hab zwar nur Instantkakao, aber das wird auch gehen, oder?“
„Ja, klar. Danke.“
Er stellte zwei Tassen mit jeweils einem Löffel vor sich, füllte Schokocappucchino ein und setzte sich dann auf die Kante des Sofas.
Ein unangenehmes Schweigen machte sich breit, bis das Klacken des Wasserkochers signalisierte, dass das Wasser nun heiß genug war. Schnell stand der Mann auf, füllte die beiden Tassen und stellte eine vor Conni, während er selbst sich auf den Boden setzte, ihr genau gegenüber.
„So, dann sag mal, was machst du hier eigentlich in meiner Höhle?“
Er pustete in seine Tasse, rührte noch einmal um und sah das Mädchen vor ihm über den Rand der Tasse an.
„Ich hab doch gesagt, ich hab hier was zu erledigen.“ Meinte Conni nur, pustete ebenfalls und nahm dann zögerlich einen Schluck. Aber das Gebräu war noch viel zu heiß.
Als er sie immer noch erwartungsvoll ansah, seufzte sie leise.
Okay, er wohnte hier, sie war sozusagen einfach so reingeplatzt. Kein wunder, dass er wissen wollte, was sie hier wollte. Das würde ihr wahrscheinlich auch so gehen, überlegte Conni.
„Ich muss hier was rausholen.“
„Dann hat dich Gaia hergeschickt…“ Es war keine Frage, eher eine Feststellung. Langsam nickte das Mädchen vor ihm.
Er sah sie sich genauer an. Ja, die Kleine mochte irgendwann mal eine hübsche Frau werden, aber er sah noch mehr. Sah ihre Traurigkeit, ihre innere Zerrissenheit, die sie anscheinend gut versteckte vor anderen. Ihre Seele….Es faszinierte ihn. Sie war das erste menschliche Wesen seit 2500 Jahren, das einfach so in seine Höhle spazierte. Und vor allem keine große Angst hatte. Gut, sie war skeptisch und bis zu einem gewissen Grad auch misstrauisch, aber nicht ängstlich.
„Gut, Conni.“ Er sah das Mädchen vor sich lächelnd an. „Um das mal klar zu stellen: Ich reiss dir nicht den Kopf ab, bring dich nicht um und mach auch sonst keinen Schweinskram mit dir. Beruhigt dich das?“ Er grinste noch immer.
„Du bist echt ein komischer Typ, weißt du das eigentlich?“
„Ja, weiß ich.“
Conni konnte sich das Grinsen nun echt nicht mehr verkneifen. Irgendwie war der Typ echt cool.
So anders als die anderen Erwachsenen die sie kannte. Nicht so steif, sondern locker. Nicht auf die Meinung anderer bedacht. Es war ihm anscheinend auch völlig egal, dass er kein Shirt anhatte.
„Also, Gaia hat dich hergeschickt. Hm, sie hätte wenigstens sagen können, dass ich Besuch kriege. Aber was soll’s, ich kenne ja nichts anderes von ihr…“
Conni sah auf.
„Ihr kennt euch?“
„Ja“, er nippte an seinem Cappu. „Schon ewig. Aber ist schon ewig her, seitdem wir uns gesehen haben.“
„Was sollst du denn hier machen?“ Conni bemerkte, dass Cervidae sie gespannt musterte.
„Ich soll was holen.“ Sie sah in seine Augen, die sie immer noch unverwandt ansehen. „Einen Schlüssel.“
„Oha…“, mehr sagte er nicht. Doch das ließ Conni schon aufhorchen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Conni.... und das ist mein Leben, ja?
BeitragVerfasst: 2. Nov 2011, 20:16 
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„Wieso bitte Oha? Was willst du mir damit sagen?“ Conni sah den anderen ernst an.
„Muss ich mich jetzt auf ne Katastrophe bereit machen, oder wie?“
Er grinste wieder. „Ironie und Sarkasmus. Und das in deinem Alter. Wie geil!“
Er stand auf, ging wieder zum Wasserkocher.
„Also, ja, es kann ne Katastrophe geben, wenn du so willst. Willst du auch noch einen?“ er hielt seine Tasse hoch.
Conni schüttelte nur den Kopf. „Auf was muss ich mich genau einstellen?“
„Hmmm, naja, nichts Weltbewegendes…. Kann nur sein, dass du es eben nicht schaffst. Vor allem alleine wird es echt schwer. Selbst ich würde das nicht alleine machen.“ Er drehte sich wieder zu ihr um, sah in ihre ernste Miene und musste wieder schmunzeln.
„Ich lehne mich mal ganz weit vor und behaupte einfach mal so, dass Gaia dir nichts wirklich erzählt hat, oder?“
Das Schweigen von dem Mädchen reichte ihm anscheinend als Antwort.
Als er sich seine Tasse wieder aufgefüllt hatte, setzte er sich wieder auf den Boden, betrachtete sie nun ernster und schien nachdenklicher.
„Also, Kleine, dass ist echt ne Nummer zu groß für ein Mädchen. Glaub mal. Du sollst den Schlüssel holen. Was weißt du darüber genau?“
„Nicht viel. Nur das er bewacht wird…“
„Gut. Jetzt mal Klartext. Der Schlüssel führt in die Unterwelt. Das ist nicht das eigentlich Schlimme daran. Aber er wird tatsächlich bewacht. Und zwar von einem Wesen, dem du sicherlich nicht begegnen willst. Wenn du wegen mir beunruhigt warst, dann wird der Wächter die eine Heidenangst machen. Und glaub mir, der ist echt gefährlich. Da ist bis jetzt noch keiner wieder gekommen. Versteh mich nicht falsch, ich will dir keine Angst machen, oder so. Aber der ist Blutrünstig. Der killt dich einfach so, ehe du Piep sagen kannst. Und ich rate noch mal: Das hat sie dir nicht gesagt, stimmts?“
Connis Augen waren immer größer geworden. Stumm schüttelte sie den Kopf.
Was sollte sie jetzt machen? Oh Mann, wie gerne würde sie einfach mit den Fingern schnippen und wäre dann zu Hause. Aber das ging nicht. Zurück gehen? Vielleicht ging das ja?
Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, sagte Cervidae:
„Du willst nach Hause, was?“
„Ja“, ihre Stimme klang irgendwie belegt.
„Tja, leider geht das nicht so einfach. Du hast den Auftrag angenommen. Da musst du nun irgendwie durch…“
Cervidae sah das Mädchen an. Gaia war unverantwortlich. Sie schickte das Kind ganz offensichtlich in den Tod: Er musste mit ihr dringend reden!
„Kannst du mir helfen?“
Er schwieg. Warum sagte der Typ denn jetzt nichts mehr?
Dann, als sie schon aufstehen wollte, um ihn zu schütteln, damit er sie endlich wieder beachtete, sah er sie wieder an.
„Ich kann dich nicht alleine da hin lassen. Ich denke, ich werde mitkommen. Allein hast du einfach keine Chance. Ist mir nicht ganz klar, wieso Gaia meint, dass du das schaffen könntest….“
Er trank einen Schluck.
„Aber wir gehen erst Morgen los. Ruh dich hier aus, ich penn zwei Räume weiter. Du kannst hier auf dem Sofa schlafen. Glaub mal, wir brauchen unsere Kraft und sollten echt ausgeruht sein, wenn wir uns auf den Weg machen.“
„Danke.“
Er stand auf. „Komm, ich zeig dir eben noch das Bad, okay?“
Sie nickte, stand ebenfalls auf und folgte dem Mann.
Eine Stunde später hatte er ihr noch eine Decke gegeben und hatte ihr eine Gute Nacht gewünscht. Dann war er schlafen gegangen. Und nun lag sie hier, auf der Couch und dachte nach. Irgendwie war das alles doch nicht mehr real, oder?
War das denn noch ihr eigenes Leben? Oder was? Alles war so seltsam. Die ganze Nacht, der Tag, alles war nicht mehr so, wie es normalerweise war.
Sie wälzte sich herum, zog sich die Decke über den Kopf.
Irgendwann fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Zwei Räume weiter lag Cervidae und dachte ebenfalls nach. Was hatte es mit dem Mädchen auf sich, das Gaia ernsthaft sie her schickte und von ihr verlangte, den Schlüssel zu holen? Und was wollte Gaia denn in der Unterwelt?
Das Mädchen konnte er nicht einfach so alleine gehen lassen. Und obwohl er schon sehr vorsichtig mit dem Wächter war, wusste er genau, dass dieser auch ihn platt machen konnte.
Irgendwann schlief er ein. Es brachte nichts, ewig darüber nachzudenken. Er musste eben mit Gaia reden. Half ja alles nichts.

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 Betreff des Beitrags: Re: Conni.... und das ist mein Leben, ja?
BeitragVerfasst: 7. Nov 2011, 13:43 
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Es war Dunkel. Nein, nicht einfach Dunkel, es war so finster, dass sie nichts, aber auch wirklich gar nichts sehen konnte. So vollkommen Schwarz. Langsam tatstete sie sich vorwärts. Weg. Hauptsache weg. Hinter ihr deutete ein Schlurfen darauf hin, dass Jemand oder Etwas ihr folgte. Dummerweise relativ zügig. Die Finsternis schien für den Verfolger nicht das Problem zu sein.
Leise fluchend versuchte sie schneller zu werden. Aber der Boden war uneben. Immer wieder stolperte sie. Doch sie ging weiter, etwas schneller. Dumpf hallten ihre Schritte durch die Schwärze.
Die Geräusche hinter ihr wurden lauter, schienen näher zu kommen. „Mist!“
Sie tastete sich weiter, immer weiter. Bloß nicht stehen bleiben. Das Ding hinter ihr das nur Geräusche von sich gab, machte ihr Angst.
Plötzlich verlor sie den Boden unter sich. Oder anders ausgedrückt, der Boden schien ihr gerne näher kommen zu wollen. Sie war so dämlich gestolpert, dass sie nun im Begriff war zu fallen. Sie machte dich darauf bereit, gleich unangenehm aufzuschlagen. Doch der Aufprall blieb aus. Wieso? Sie fiel noch immer. Nur war nun in ihrem Nacken das ungute Gefühl eines Atems. Warme Luft strich über Haut. Regelmäßig. Und viel zu nahe.
Der Fall dauerte an.
Durch die Schwärze.
Aber dann, unter ihr, oder über ihr? Sie hatte schon die Orientierung verloren. Da war so ein rotes Licht? Sie schien sich darauf hin zu bewegen. Und zwar sehr schnell. Das Licht wurde größer. Genau genommen zwei Lichter, wie sie jetzt erkannte. Wobei, es sah aus wie zwei kleine Spalten, durch die Licht kam. Rotes Licht. Sie hatte Angst. Atmete stoßweise. Dann öffneten sich die Spalten. Das waren Augen! Rote, glühende Augen!
Und in ihrem Nacken noch immer der Atem. Sie fühlte, dass sich ihr Mund öffnete, je näher sie den Augen kam, desto mehr spürte sie den Drang in sich zu schreien. Es ließ sich nicht mehr unterdrücken. Der Schrei brach sich endlich Bahn.
Und da waren plötzlich zwei Arme, die sie umschlossen, festhielten, den Fall stoppten. Die Augen rissen noch einmal auf, schienen zu ihr zu starren, aber sie näherten sich nicht mehr. Und auch der regelmäßige Luftzug im Nacken war nicht mehr so bedrohlich.
Sie wachte auf. Schweißgebadet versuchte sie in der Dunkelheit des Zimmers irgendetwas zu erkennen. Ihre Hand ertastete die Decke, dann das Kissen. Und dann fühlte sie wirklich zwei Arme um sich. Schnell versteifte sie sich. War ängstlich. Was war denn jetzt los? Wer war da hinter ihr? Denn sie spürte hinter sich jemanden, der warm war, der ihr in den Nacken atmete. Also hatte sie vielleicht nicht alles geträumt?
Stocksteif lag sie da.
„Na, haste dich wieder beruhigt?“ Die warme, sanfte Stimme Cervidaes.
„Was…?“
„Du hast geschrieen, so laut, dass hab ich sogar in meinem Bett gehört. Da bin ich rüber und hab versucht, dich zu beruhigen.“ Nuschelte er. „Schlaf noch ein bisschen. Ich pass schon auf dich auf, Kleine.“
Er nahm einen arm von ihr, der andere lag noch immer unter ihr, hielt sie beruhigend fest. Sie spürte, wie sich der Körper hinter ihr auf den Rücken drehte, der Atem in ihrem Nacken verschwand. Ein leises Schnarchen deutete darauf hin, dass der neben ihr nun wieder eingeschlafen war.
Und noch immer lag sie da, auf einem seiner Arme. Conny war sich sicher, dass sie vollkommen rot angelaufen war. Zum Glück war es dunkel, dass sah keiner. Und er hielt sie nur fest, hatte anscheinend nichts anderes vor. Schnarchte inzwischen auch etwas lauter.
Auf der einen Seite war es Conny wirklich unangenehm im Arm eines eigentlich Fremden zu liegen. Aber auf der anderen Seite war es auch beruhigend, nicht allein zu sein.
Langsam schloss sie wieder die Augen, versuchte wieder einzuschlafen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Conni.... und das ist mein Leben, ja?
BeitragVerfasst: 7. Nov 2011, 17:06 
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Widerwillig öffnete Conny die Augen. Die Nacht war hart gewesen. Erst die ungewohnte Umgebung, dann der Albtraum, und dann hatte sie geträumt, dass jemand bei ihr im Bett mit lag….
Sie drehte sich um, und erstarrte. Da lag Cervidae! Er schien wach zu sein, sah aus halbgeöffneten Augen in ihre.
„Guten Morgen, Schlafmütze“, sagte er leise.
Zack! Sie spürte, wie sie sich wieder rot verfärbte. Schnell wandte sie sich ab, rappelte sich hoch und stand schließlich auf.
Cervidae grinste!
„Na, was denkst du?“ Er sah sie amüsiert an. Hatte ihre Verlegenheit durchaus zur Kenntnis genommen.
Als er aufstand, fiel Conny auf, dass der Typ eine Schlafanzughose anhatte. Nur eben nichts oben rum.
Er lachte.
„Du hattest einen schlechten Traum, falls du dich nicht mehr erinnerst. Du hast derart laut gebrüllt, dass ich wach wurde. Und da bin ich rüber, hab versucht dich zu wecken. Aber wenn du schläfst, dann wie ein Stein, was? Ich hab dann versucht, dich zu beruhigen. Das ging aber nicht so leicht, da hab ich dich in den Arm genommen. Und dann hast du wieder ruhig geschlafen. Du siehst, ich hab nix gemacht, was dir zur Verlegenheit helfen würde.“ Er lachte noch immer. Dann streckte er sich und trottete zum Wasserkocher. „Ich mach nen Kaffee, willste auch einen?“
„Ja…“ kam es tonlos von dem Mädchen. Schnell schnappte sich Conny ihre Klamotten und huschte ins Bad, dessen Tür sie allerdings abschloss.
Als sie wieder zurückkam, stand Cervidae noch immer in Schlafanzughose da, nippte nun an heißem Kaffee und stellte ihr eine Tasse auf den Tisch. Dann setzte er sich wieder vor ihr auf den Boden, während sie auf das noch immer zum Bett umfunktioniertem Sofa Platz nahm.
„Hör mal, Conny“, fing er an, trank noch einen großen Schluck und räusperte sich.
Gespannt sah sie ihn an. Was kam denn jetzt?
„Wenn ich dann auch fertig bin, sollten wir uns zusammen räumen und losgehen. Es wird ne Zeitlang dauern, ehe wir zum Wächter kommen. Und ich sollte darauf hinweisen, dass der Wächter selbst nicht so ganz von dieser Welt ist. Ich weiß nicht, wie ich das sonst sagen soll.“ Er sah Conny an und dann wieder auf seine Tasse.
„Weißt du, es gibt einen Grund, warum ausgerechnet er der Wächter wurde. Er kennt keine Gnade, kein Mitleid und ehrlich, der haut jeden klein.“ Wieder sah der Gehörnte zu dem Mädchen.
„Also, jeder, der bis jetzt versucht hat, den Schlüssel zu nehmen, ist an ihm gescheitert. Auch Gaia lässt er nicht an den Schlüssel. Und das aus gutem Grund. Denn Niemand sollte die Tore der Unterwelt öffnen. Das ist nicht nur gefährlich, dass ist auch noch superbekloppt!“
„Warum ist das denn so gefährlich?“ Connys Stimme war leise, aber die Anspannung konnte sie nicht unterdrücken.
„Weil man damit auch die Welt vernichten kann. Zumindest, wenn man den Schlüssel zu den falschen Leuten bringt. Also wenn jemand einen anderen retten will, derjenige aber tot ist, dann wird das nichts. Der Herr des Todes lässt niemanden wieder gehen. Wenn man eine unbesiegbare, da unsterbliche Armee haben will, eignen sich Tote ja gut. Die sterben nicht mehr. Versucht man das aber, dann wird die Welt, so wie wir sie kennen, verschlungen. Das einzige, zu dem der Schlüssel eigentlich gut ist, ist um nachzusehen, dass auch alles richtig läuft. Und im Grunde könnte man meiner Meinung nach den Schlüssel auch einschmelzen und was anderes draus machen.“ Er stellte seine inzwischen leere Tasse auf den Tisch, erhob sich geschmeidig und ging zur Tür.
„Ehrlich, ich verstehe nicht, warum Gaia den Schlüssel haben will….“ Murmelte er noch im hinausgehen.
Conny dachte nach. Wenn dieser Schlüssel am besten unberührt bleiben sollte, wieso wurde dann ausgerechnet sie darum gebeten, diesen Schlüssel zu holen? Was war das für eine Logik?
Und wenn sowieso klar war, dass sie bei dem Unterfangen auch sterben könnte, war es noch unsinniger, wie sie fand.
Andererseits schien diese Gaia aber auch eine freundliche Person zu sein und Cervidae hatte noch kein einziges schlechtes Wort über sie verloren. Anscheinend kannte er Gaia auch schon länger. Zumindest hatte Conny das Gefühl, dass es so sein könnte.
Nachdenklich trank sie ihren inzwischen lauwarmen Kaffee aus, räumte beide Tassen in die Spüle und machte das Bett. Dann fing sie an, den Inhalt ihres Rucksacks zu sortieren. Viel war da ja eigentlich nicht drin….

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 Betreff des Beitrags: Re: Conni.... und das ist mein Leben, ja?
BeitragVerfasst: 8. Nov 2011, 13:47 
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 Betreff des Beitrags: Re: Conni.... und das ist mein Leben, ja?
BeitragVerfasst: 31. Mär 2012, 13:30 
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„Was willst du denn mit Klopapier?“ Verwundert sah der Mann das Mädchen an, das die Rolle Papier schnell wieder in den Rucksack packte. Ebenso wie die Streichhölzer.
„Eben zur Vorsicht.“
„Aha, falls du beim Wächter ein Klo findest, sag mir Bescheid, wäre mal was Neues.“ Er grinste.
Mit rotem Kopf stand Conny auf. Und sah sich etwas planlos um.
„Was müssen wir denn noch mitnehmen? Wie lange dauert es eigentlich bis wir dann da sind?“
„Naja, schon ein paar Tage. Also warte, wir brauchen Proviant.“
Nachdem der Mann in den schränken gekramt hatte und auch tatsächlich das eine oder andere brauchbare gefunden hatte, stellte er alles auf den Tisch.
Nudeln, löslicher Kaffee, Spiritus, Papier, Äpfel und Brot wanderten ebenfalls in den Rucksack. Ein kleiner Topf und zwei Schüsseln, Messer und Löffel leisteten ihnen bald Gesellschaft.
Dann sah Cervidae wieder zu dem Mädchen. Aus einem kleinen schwarzen Kasten kramte er noch Verbandszeug.
Außerdem legte er noch eine Decke dazu.
„So, ich geh mir jetzt noch meine Weste und mein Schwert holen. Sag mal, kannst du irgendwie kämpfen?“
Verwirrt sah Conny den Typen an. „Wie jetzt?“
„Naja, kannst du dich verteidigen, wenn ich dich mit nem Schwert angreifen würde?“
Mit großen Augen sah das Mädchen ihn an. Er konnte ihre Verwirrung beinahe spüren. Gaia hatte da ein Mädchen geschickt, dass ganz offensichtlich noch nicht einmal in der Lage war zu kämpfen! Super! Ganz große Klasse!
Also blieb alles an ihm hängen oder wie?
Er verdrehte die Augen und seufzte laut auf.
Conny dachte nach. Gegen ein Schwert kämpfen? Nein, das konnte nur ein Scherz sein. Oder?
Doch wenn sie den Mann vor sich so ansah, wirkte dieser nicht so, als beliebe er derzeit zu scherzen.

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