Am Anfang war die Feder

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 Betreff des Beitrags: Stormys Fortsetzungsgeschichte: Das gebrechliche Herz
BeitragVerfasst: 29. Aug 2011, 15:16 
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So, jemand hat sich eine Forstetzung dieser kleinen Sequenz gewünscht, also habe ich eine begonnen. Ich dachte mir, ich könnte eine Geschichte daraus machen, die ich hier nach und nach reinschreibe. Aber das unterliegt natürlich der Voraussetzung, dass ich weiterkomme, also die Ideen und die Zeit dafür habe. Darum hier mal ein erster Teil, für jene, die Freude daran haben. :ggg55:




Er lag so ruhig, dass ich kaum seinen Atem hörte. Sein Blick war nahezu apathisch, geradeaus zum Schrank gerichtet. Ich beugte mich über ihn, mit einem Arm auf dem Bett abgestützt, so nah, dass meine Lippen sein Haar über seinem Nacken streiften. Ich liebe dieses Haar, diesen Mann. Dunkel und wild und frei… ach, was könnte ich jetzt abschweifen. Aber bleiben wir bei diesem Moment, dieser von Betrübnis überschatteten Nacht. Die Stille der Dunkelheit draussen erschien mir unerträglich, denn ich wusste, dass seine ungewöhnliche Ruhe nicht von Entspannung herrührte. Ganz im Gegenteil: Er litt unsäglich. Man brauchte nicht Gedanken lesen zu können, um das zu sehen.
„Was denkst du?“, sagte ich, während ich so sanft ich es zustande brachte, meine Fingerspitzen durch seine wunderschönen Locken gleiten liess.
„Nichts.“ Seine Stimme war leise und tonlos.
„Tut es so weh?“
„Ja.“
Ich küsste sein Haar. Was konnte ich dazu noch sagen? Jemand hat mir einmal gesagt, wenn man nichts mehr zu sagen weiss, ist es besser, einfach zu schweigen. Und das tat ich auch. Ich legte mich hinter ihm nieder und schlang einen Arm um seinen Oberkörper. Ein untypisches Bild gaben wir ab, wir zwei. Meistens hielt schliesslich der Mann die Frau so und die meisten Männer liessen diese Art von Trost auch nicht gerne zu. Meiner bescheidenen Erfahrung nach verbargen sie ihren Schmerz lieber oder tranken ihn in Vergessenheit, als ihn zuzulassen, darüber zu sprechen. Aber vielleicht hatte ich bisher auch einfach nur die falschen Männer kennengelernt.
Und kaum hatte ich den richtigen gefunden, war auch schon der Schatten über uns hereingebrochen. Anfangs hatte er noch gemeint, er werde damit fertig. Ich solle mir nicht zu viele Gedanken machen, es ginge schon irgendwie. Er werde wieder. Falls ich gehen wollte… da war ich ein wenig aufgefahren und hatte ihm das Wort abgeschnitten.
„Gehen?“, sagte ich. „Schatz, warum sollte ich dich verlassen wollen?“ Dann machte ich ein paar Schritte auf ihn zu und legte meine Hände auf seine Wangen. „Du bist wohl nicht mehr ganz bei Trost, wenn du das wirklich glaubst.“ Meine Stimme war ruhiger bei diesem zweiten Satz.
„Sandra“, sagte er. „Du bist…“ Er ergriff sanft meine Handgelenke und schob sie von sich weg. Dann legte er eine Hand auf meinen Oberarm. „Du bist eine ganz wunderbare Person, weisst du das? Und ich bin dir dankbar, dem Universum dankbar. Für all das hier, dafür, dass ich dich kennen und mit dir zusammen sein darf. Aber dies ist eine Sache, die…“
Er senkte den Blick und atmete tief ein und ruhig wieder aus.
„Sandra“, wiederholte er dann und schaute mir wieder in die Augen, „ich liebe dich. Und ich will dich nicht mit etwas belasten, das ein ganzes Leben verändern kann. Es wird zweifellos mich verändern, bestimmt nicht nur äusserlich. Zuerst werde ich abnehmen, dann werden mir die Haare ausfallen… Schau, ich will ehrlich sein: Ich weiss nicht, ob ich das wirklich packe. Ich wollte dich nicht beunruhigen und stark sein, aber… das bin ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll.“
„Ich auch nicht“, gab ich zu und begann, mit der Oberseite meiner Finger sein Gesicht zu streicheln. „Aber weisst du was? Das brauchen wir auch gar nicht. Ich erwarte nicht von dir, dass du einen Plan hast. Ich werde nicht versuchen, einen zu schmieden. Wie auch? Aber ich werde bei dir bleiben, Alger. Egal, was passiert, hörst du? Ich werde dich nicht verlassen, niemals, und wenn ich mit dir in der Hölle lande. Es ist mir egal, solange ich bei dir sein kann. Ich bleibe und bin für dich da. Verlange nicht von mir, zu gehen. Ich werde nicht gehen.“
Da liess er seinen Kopf auf meinen Schulter sinken und einige Minuten lang hielten wir uns so in den Armen. Er küsste mich zuerst auf die Seite, dann auf die Stirn, dann auf die Lippen.
„Wie soll ich das nur jemals wieder gutmachen?“, fragte er. Vermutlich war es rhetorisch gemeint, aber ich antwortete dennoch: „Brauchst du nicht.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Stormys Fortsetzungsgeschichte: Das gebrechliche Herz
BeitragVerfasst: 1. Sep 2011, 12:03 
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Nun lag ich hier und hielt ihn fest umschlungen. Morgen würden wir uns trennen müssen, zumindest für eine Weile. Er würde in einer Klinik auf dem Land stationiert werden, um die weiterführende Therapie anzutreten. Chemo und so weiter. Es hatte fast ein bisschen etwas von Einrücken. So kam es mir vor. Natürlich war das etwas völlig anderes, doch dieses Gefühl, ihn eine Weile nicht sehen zu können – die Klinik war schlicht zu weit weg für mich, ohne Auto und mit dem Job – und dass er leiden würde. Es zerriss mir fast das Herz und ich würde ihn auch besuchen gehen, so oft es mir die Umstände erlaubten. Doch ich hatte gewünscht, ich hätte mehr tun können.
Sein Schmerz war somit auch der meinige und er war nicht körperlich. Seine Resignation war durch die seelische Qual ausgelöst worden. Doch ich weigerte mich, aufzugeben. Das würde ihn nur noch mehr herunterziehen, es nicht gut für ihn. Es wäre für uns beide nicht gut. Natürlich war ihm das im Moment egal und er hatte mir auch gesagt, dass ich mir keine Gedanken machen sollte. Dass ich diese Bürde nicht für ihn tragen konnte. Doch wie Samweis Gamdschie in Der Herr der Ringe einst Frodo getragen hat, so hatte ich beschlossen, Alger zu tragen, so gut ich nur irgendwie konnte.
Also hielt ich ihn fest, hielt an allem fest, was halt bot, hielt an der Hoffnung fest. Nicht aufgeben, lautete meine Devise. Nicht aufgeben… Und so fielen mir schliesslich die Augen zu und ich machte sie wieder auf und sie fielen mir wieder zu. Bis ich das schrille klingeln des Weckers hörte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stormys Fortsetzungsgeschichte: Das gebrechliche Herz
BeitragVerfasst: 7. Sep 2011, 11:33 
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Ich bereitete das Frühstück zu. Es sollte das beste Frühstück der Welt werden. Brot, Schnittfleisch, Käse, und Spiegelei mit Speck. Dazu Butter, Honig und Confitüre, ganz nach Lust. Das meiste stand bereits auf dem Tisch, als ich die Eier in der Bratpfanne aufschlug. Zwar war nicht ganz sicher, dass er wirklich Hunger haben würde, doch ich betrachtete es trotzdem als Notwendigkeit. Einerseits, weil ich selbst essen musste, andererseits, weil wir so automatisch etwas mehr Zeit zusammen verbringen würden. Wir würden länger sitzen bleiben und nicht gleich wieder ausschwärmen, um noch dies oder jenes zu packen oder einfach nur fernzusehen, bis das Taxi kam, dass uns auf den Bahnhof brachte. Und dann würde er in die Klinik fahren und weg sein.
Der Gedanke bedrückte mich. In Zeiten von Skype und Smartphones war es natürlich nicht schwierig, Kontakt zu halten, das war es ja nicht. Nur diese geografische Distanz und… nicht auszudenken, wie es ihm ergehen würde. Aber hatte ich mir darüber nicht schon letzte Nacht genug Gedanken gemacht? Musste ich denn nicht fähig sein, den Kreislauf endlich für einmal zu unterbrechen und es ruhen zu lassen? Vielleicht würde es dann mir endlich etwas Ruhe lassen.
Ich strich mir eine Strähne nassen, dunkelbraunen Haares aus den Augen. Eigentlich war es ein etwas helleres Rotbraun, sobald es trocknete. Immer noch gesättigt von dem Wasser aus dem Duschstrahl wirkte es aber fast schwarz. Die kurzfristige Entspannung, die die fliessende Wärme erzeugt hatte, hatte richtig gut getan. Nach der unruhigen Nacht hatte ich mich zerknittert gefühlt, dreckig irgendwie. Dank dieser tollen Erfindung namens Dusche ging es mir nun für den Moment ein kleines bisschen besser. Ich trug frische Klamotten – dunkle Jeans und ein eng anliegendes, weisses Trägertop – und kochte. Naja, wenn man denn von „kochen“ sprechen konnte. Jedenfalls tat ich etwas und vertraute sogar darauf, dass es mir gut gelingen würde.
Der Speck war gerade anständig durchgebraten, als Alger im Türrahmen seitlich von mir erschien.
„Hey“, sagte er in diesem sanften, friedfertigen Ton, der ihm so eigen war. Sogar der leise Anflug eines Lächelns umspielte seine Lippen. Sein schwarzes Haar fiel schwer und wirr um seinen Hals und in sein Gesicht und die sonnendunkle Haut wirkte etwas aufgeschwemmt. Offensichtlich hatte auch er nicht wirklich geschlafen.
„Hey“, gab ich zurück und lächelte ebenfalls. „Hunger?“
„Das wäre doch nicht…“, wollte er protestieren, unterbrach sich jedoch sofort. Stattdessen sagte er: „Ja. Ja, tatsächlich.“
Ich stürzte den Speck und die Spiegeleier gleichmässig verteilt auf zwei Teller und hielt ihm einen davon unter die Nase.
„Riecht fantastisch“, sagte er.
Während er die Kaffeemaschine anwarf, schlich ich an ihm vorbei und brachte die Teller zum Tisch. „Schatz?“, rief er aus der Küche. „Kaffee?“
„Nein, danke!“ Und dann sass ich an meinem reich gedeckten Tisch. Eigentlich war es sein Tisch. Ich war nur so oft in dieser Wohnung gewesen in den letzten Monaten, dass sie mir schon fast wie ein zweites Zuhause vorkam.
„Hey“, sagte er noch einmal, während er sich mit der Kaffeetasse in der Hand mir gegenüber niederliess. „Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll.“ Er wirkte leicht verlegen. Verständlicherweise, sonst machten wir ja auch nur zusammen Frühstück und er bediente lieber mich, als sich betüteln zu lassen. Heute hatte ich den Spiess ein wenig gewendet, doch er protestierte nicht wirklich. Er hatte sich viel zu sehr in sich zurückgezogen, um gross den Gentleman zu spielen. Wohl schwang auch eine ganze Menge Dankbarkeit darin mit. Es erinnerte mich daran, wie er früher gewesen war. Bevor er die Diagnose bekommen hatte, bevor die Therapien begonnen hatten. Um es mit seinem Terminus auszudrücken: Sein Haar war voller gewesen, zum Beispiel. Und sein Wesen fröhlicher, ausgelassener. Irgendetwas von seinem positiven Temperament schimmerte immer noch ein bisschen durch, ja, doch da lag dieser Schatten über ihm. Das Monster, das in unser Bett gekrochen war.
„Was denkst du?“, sagte er unvermittelt, während er sich eine Gabel voll Speigelei in den Mund schob, wiederum mit diesem schwachen, fast gezwungenen Lächeln.
„Quälst du dich, um für mich gut drauf zu sein?“, fragte ich zurück. Es lag kein Ärger in meiner Stimme, auch keine Abweisung. Ich wollte es einfach nur wissen und dass er wusste, dass er das nicht tun sollte. Er brauchte sich vor mir nicht zu verstellen, aber ich glaube, das wusste er ebenfalls. Es war ihm immer klar gewesen, auch wenn es manchmal nicht so schien.
In seinem Gesicht spiegelte sich nichts als Ehrlichkeit. „Nein“, sagte er. „Ich möchte für mich selbst gut drauf sein, soweit es geht. Ich… das ist der letzte Tag hier, unser letzter gemeinsamer Morgen für die nächste Zeit. Und danach… ich will gar nicht daran denken. Ich will das geniessen, verstehst du? Diese Stunden einfach in Frieden – mit dir – verbringen, bevor…“
„Bevor was?“ Ob das eine Frage zu viel war? Es war aus mir heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte.
„Bevor es zu spät ist“, schloss er flüsternd. Definitiv eine Frage zu viel. So genau hätte ich es dann lieber doch nicht wissen wollen.
Auch ich wurde leiser, als ich weiter sprach, als könne uns noch jemand anderes hören, obwohl wir beide wussten, dass dem nicht so war. „Du wirst das überstehen, Alger. Du kannst das schaffen. Ich weiss das.“ Ich langte zwischen den Tellern und Gläsern durch über den Tisch und ergriff seine freie Hand. Ich schaute ihn eindringlich an und als er die nächste Gabel in den Mund schob, sagte ich: „Alger, ich liebe dich. Ich werde dich nicht daran krepieren lassen, klar?“ Unwillkürlich müsste ich Lächeln, doch es war kein fröhliches Lächeln. Es war eine Mischung aus Hilflosigkeit und Bitterkeit, die Alger mir vermutlich anmerkte.
„Sandra“, sagte er, nachdem er heruntergeschluckt hatte, und verschob seine Hand so, dass er meine drücken konnte. „Gott weiss, ich liebe dich auch. Mehr als alles andere auf dieser Welt. Doch das… das ist etwas, worauf ich keinen Einfluss mehr habe, Schatz. Wenn ich es überlebe, wenn sie mich retten können, werde ich nie wieder derselbe sein. Und wenn sie es nicht können…“ Er hielt einen Moment inne, schluckte leer. Dann legte er die Gabel nieder und umfasste mit beiden Händen meine Hand. Er küsste meine Fingerrücken zaghaft und sagte dann: „Dann musst du jemanden finden, der dich glücklich macht. Ich will, dass du glücklich bist, Sandra.“
„Nein. Nein“, sagte ich, während ich auch meine zweite Hand unter dem Tisch hervornahm und sie um seine Schlang. Tränen schossen mir in die Augen. „Das wird nicht passieren, Liebling. Das darf nicht passieren. Du musst kämpfen, Alger, du hast eine Chance.“
„Eine geringe Chance“, warf er ein.
„Aber es ist dennoch eine. Und du kannst sie nutzen, das weisst du doch, es gibt Leute, die es auch geschafft haben…“, weiter kam ich nicht. Meine Stimme überschlug sich und die Tränen kullerten langsam über meine Wangen.
„Tut mir leid“, sagte er.
„Was?“, wimmerte ich. Es musste total erbärmlich geklungen haben, doch Alger störte sich nicht an dem erstickten Ton.
Er antwortete einfach nur: „Dass ich dir so viel Leid verursache, das ist nicht richtig.“
„Nein. Ich meine, nein, tust du nicht, hör auf, dir Sorgen um mich zu machen, ja?“ Ich versuchte, so sanft zu klingen, wie möglich. „Denke an dich selbst, Liebling. Sei einmal ein Egoist, dem es nur um das eigene Wohl geht. Denn darauf kommt es jetzt an.“
Zu meiner Überraschung nickte er und sagte: „Okay. Okay. Ich kann es ja versuchen.“ Noch ein gezwungenes Lächeln.
„Danke“, flüsterte ich, weil meine Stimme einfach nicht mehr hergab.
Langsam lösten wir uns voneinander und ich griff zu meiner Gabel. Das Spiegelei und der Speck waren mittlerweile abgekühlt, aber das kümmerte mich nicht. Zurück zur Normalität, wo noch irgendetwas an Normalität zu holen war.
Wir wollten diesen Morgen doch geniessen? Also begann ich damit, in dem ich das essen genoss. Ein paar Sekunden lang schaute Alger mich einfach nur wortlos an, in Erstaunen und Anbetung zugleich und dann geschah etwas, das ich seit Wochen nicht mehr erlebt hatte: Er begann zu lachen. Er begann einfach, völlig gedankenlos und frei drauflos zu prusten. Und da Lachen ja bekanntlich ansteckend ist, musste ich ebenfalls lachen.
„Was denn?“, fragte ich noch, unter Lachtränen, die sich unverzüglich mit den fast getrockneten vorherigen vermischten.
„Nichts“, antwortete er. „Es ist nur… du bist einfach eine klasse Frau, weisst du das? Du… du kannst hier sitzen und... danke, Sandra.“ Er hatte sich ein wenig beruhigt und konnte jetzt gefasst sprechen. Und das auch noch mit einem Lächeln, das sein ganzes Gesicht erhellte. „Beinahe wäre das nichts geworden mit dem Geniessen dieses Morgens“, fuhr er fort. „Doch dann, tust du es einfach, du stopfst diese Gabel in den Mund und…“ Er prustete wieder los.
„Hey, übertreib mal nicht“, sagte ich mit gespielter Entrüstung. „Es ist ja nicht so, dass es nicht längst kalt wäre.“ Da brach es auch aus mir wieder heraus. Lautes, ungehobeltes Gelächter. Dass es nicht kalt wäre… das war echt einer zu viel. Zu komisch, diese Ironie, die diesen Worten innewohnte. Doch ich schätzte, irgendwie brauchten wir das einfach. Das beste Frühstück der Welt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stormys Fortsetzungsgeschichte: Das gebrechliche Herz
BeitragVerfasst: 9. Sep 2011, 14:35 
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Ich liess den Schlüssel auf den Tisch fallen. Das Klacken war so laut, dass mir fast der Schädel barst. Die gähnende Leere meiner kleinen Wohnung mit den weissen Wänden erschlug mich. Langsam liess ich die Handtasche auf den Sessel sinken, um mich danach selbst auf dem Sofa niederzulassen. Ich faltete die Hände zwischen meinen Knien und starrte einen Moment lang einfach nur vor mich hin. Das Bild wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.
Nach dem Frühstück hatte Alger seine letzten herumliegenden Sachen gepackt und die Tasche vor die Tür gestellt. Ich war in der Wohnung umhergesaust, hatte geputzt. Abstauben und Glasflächen reinigen war angesagt gewesen, denn schliesslich sollte sich der neue Dreck nicht über dem alten anhäufen. Er hatte zwar gemeint, es sei ok so, doch ich hatte nicht anders gekonnt. Ich hatte etwas zu tun gebraucht. Und schliesslich hatte er mir völlig überwältigt gedankt, für alles, was ich getan hatte, hatte er gesagt.
Dann hatte draussen vor der Tür das Taxi gehupt und wir haben uns zum Bahnhof aufgemacht. Die Halle war voll gewesen. Lauter Menschen waren an uns vorbei gehetzt, hatten uns teilweise sogar angerempelt. Aber wir hatten keine Augen für das geschäftige Treiben, keine Ohren für die lauten Geräusche. Die Ansagen waren an mir vorbei gezogen wie aus einem Wurmloch und das Quietschen der einfahrenden und startenden Züge war irgendwo im Stimmengewirr verschwunden. Nur Alger war wichtig gewesen. Dass er da war, diese paar letzten Minuten, bevor er gehen musste. Auch wenn ich ihn nicht für immer verlor, so hatte es sich dennoch so angefühlt. Und so hatte ich ihn angestarrt, mit grossen Augen, dass ich es regelrecht spüren konnte. Er hatte schwach gelächelt und gesagt, er würde sich Mühe geben. Er würde es versuchen. Er würde kämpfen. Für mich, wenn nicht für sein eigenes Leben. Denn gleichzeitig hatte er beharrt, dass sein Leben nun vorbei sei. Wieder hatte ich ihm erklärt, dass ich bei ihm bleiben würde, egal was passierte. Wieder hatte er erwidert, dass es nicht einfach würde. Er hat diesen gütigen, liebevollen Blick in den Augen gehabt, als er mir den Abschiedskuss gegeben hatte. Ein langer, leidenschaftlicher Kuss war es gewesen, fast wie früher. Ich hatte ihm über das weiche, schwarze Haar und über die gräulichen, ausgezehrten Wangen gestrichen und ihm gesagt, dass ich ihn liebte und bald besuchen kommen würde. Dann war sein Zug eingefahren.
Und jetzt war ich hier, allein. Ich wollte gerade zu meinem Buch greifen, um mich abzulenken – „Totenbraut“ von einer Nina Blazon – als mir schlecht wurde. Fast drehte sich mir der Magen um und vor mir begann alles, sich zu drehen. Vermutlich lag es an diesem Begriff: Totenbraut. War ich nun auch eine? Nein, das war Unsinn. Ich weigerte mich, so pessimistisch wie mein Schatz zu denken. Mein Schatz. Nur noch ein Funke seines einstigen Glanzes war geblieben, während immer mehr Farbe von ihm abbröckelte. Wie ein silberner Ring, der jahrelanger Witterung ausgesetzt gewesen war. Nur war er kein Ring, sondern ein Mensch und die Witterung hatte nicht Jahre über ihn hinweggefegt, sondern Monate. Doch alle diese Monate reichten in dem Moment, dass ich mich in die embryonale Pose auf das Sofa krümmte. Warum gerade er? Warum passiert das ihm, uns, und nicht einfach gar niemandem? Warum passierte so etwas überhaupt?
Ich spürte, wie heisse Tränen meine Augenwinkel fluteten und begannen, über meine Wangen zu kullern. Es dauerte nicht lange, bis ich nichts mehr mitbekam.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stormys Fortsetzungsgeschichte: Das gebrechliche Herz
BeitragVerfasst: 6. Okt 2011, 12:26 
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So, habe eine Weile lang keine Musse mehr dafür gefunden, aber jetzt geht es weiter:




Dann begannen die Merkwürdigkeiten. Zu Anfang tat ich das Meiste noch als völlig normal ab, schrieb die damit verbundenen Gefühle und Ängste meiner allgemeinen Befangenheit zu. Da gab es zum Beispiel den Abend, nach dem Alger in der Klinik angekommen war. Er hatte die Gelegenheit gefunden, mich anzurufen und wir hatten ein fast normales Gespräch geführt. Doch ich musste viel zu früh wieder auflegen, weil ich wie jeden Tag wegen meiner zwei Jobs am nächsten Tag fit sein sollte. So sortierte ich morgens jeweils die neuesten Fresszettel der Journalisten der hiesigen Tageszeitung, bis ich dann um vier die Dinner-Bar aufmachen würde, in der ich kellnerte. Beides waren Scheissjobs, die aber alles in allem ein ganz gutes Gehalt einbrachten dafür, dass ich keine richtige Ausbildung hatte. Also folgte ich der Devise einer Archiv-Kollegin: „Dann machen wir es eben.“
So schrubbte ich eben die Bar. Das edle Holz sollte glänzen und wehe, wenn auch nur der winzigste Fleck einem der anspruchsvollen Kunden ins Auge sprang. Darauf hatte unser Boss stets ein Auge und einen mahnenden Finger. Gerade versuchte ich eifrig, den eingetrockneten Tomatenfleck auf einem der hübschen, in dem ganzen grossen Raum verteilten Tische zu lösen, als ein Mann durch die nüchtern beschriftete Glastür trat. Es war halb elf, das hiess in einer halben Stunde Feierabend und somit kaum noch Leute da, doch dieser Typ schien nichtsdestoweniger so ganz und gar nicht zwischen die Gestalten zu passen, die sich sonst hier amüsierten.
Normalerweise bestand das Klientel aus Suit&Ties, Anzugträger. Unter Kolleginnen gebrauchten wir aber immer nur den Ausdruck Suits, weil das einfacher war; Es fasste Rechtsanwälte, Banker, Versicherungsvertreter und Real Estate Agents (die eigentlich nichts anderes Immobilienmakler waren, die sich für etwas Besseres hielten, weil sie ihre Häuser an allen möglichen Promi-Hotspots an die Reichen dieser Welt verkauften) in fünf Buchstaben zusammen.
Doch er, der sich nun mit lässigem Gang zur Bar begab und sich dort auf einen Hocker schwang, gehörte keiner dieser Berufsgruppen an. Er wirkte mehr wie eine gesunde Mischung aus Singer/Songwriter-Typ und Bilderbuch-Rockstar. Eine abgenutzte, graublaue Jeansjacke, vorne offen, umschmeichelte lässig seinen schlanken Torso, das eng anliegende schwarze T-Shirt betonte seine Figur und bildete zusammen mit den leicht angerissenen, hellen Jeans und den Spitzen Lederstiefeln eine perfekte Einheit. Sein Haar war ebenso schwarz wie Algers, sein Gesicht ebenfalls kantig, aber schlank. Auch die ausgeprägte Nase schien wie aus dem Ebenbild meines Freundes, die dunklen Augen blickten in geduldiger Erwartung an. Zuerst ging ein Ruck durch meinen Körper, ein leises Zucken durch mein Gehirn. Wie war das möglich? Lag es an mir, dass ich ihn so wahrnahm oder war die Ähnlichkeit tatsächlich so drastisch? Selbst die Kleidung hätte aus Algers Schrank stammen können. Doch dann wiederum: Warum nicht? Natürlich war Alger einzigartig, das stand ausser Zweifel. Aber es gibt Typen von Menschen und diese Type war nicht so selten, wie man vielleicht glauben würde.
Nachdem ich bemerkt hatte, dass auch einige der anderen Besucher aufgeblickt hatten und nun eher mich als ihn anstarrten, wie ich ihn offenbar anstarrte, wandte ich mich sofort wieder Tischfläche zu und wischte pro forma noch zwei, drei Mal darüber. Dann nahm ich den Lappen und stolzierte ganz in gewohnter Manier – wie es uns eingebläut worden war mit strammen Schultern und geradem Rücken – zur Bar, wo ich den Lappen in die Spüle warf, bevor ich mich dem Neuankömmling zuwandte.
„Guten Abend“, sagte ich lässig. „Was darf es sein?“
„Abend“, erwiderte er auf so coole Art und Weise, wie es ein Mann nur zustande bringen konnte. Immer noch lächelte er und immer noch strahlte er diese einnehmende Offenheit aus. „Einen Pfefferminztee gern.“
„Kommt sofort.“ Und damit drehte ich mich zur Kaffeemaschine ab. Das war gut. Während ich mich auf die Knöpfe konzentrierte und dann zusah, wie das Wasser rasch die Tasse füllte, konnte ich kurz meine Gedanken ordnen. Da war ein Typ hier, der ein bisschen aussah, wie Alger. Also sah er gut aus. Aber das war dann auch schon alles. Zwar war es merkwürdig, dass sich so jemand überhaupt hier hinein verirrte, aber das konnte schon vorkommen. Schliesslich gab es alle möglichen Leute, die alles Mögliche Taten. Soweit also nichts Besonderes, ausser, dass dieser Typ vielleicht insofern besonders war, dass er sich einfach so an einen solchen Ort wagte, wenn er doch offensichtlich nicht dazugehörte.
Die Tasse war voll und ich drückte den „Stopp“-Knopf, bewegte mich ein paar Meter nach Links, wo ich einen Teebeutel aus der Büchse nahm, ein Tellerchen aus dem Regal an der Wand, die Tasse auf das Tellerchen stellte, den Teebeutel daneben legte und einen Löffel arrangierte. Mit einer unserer bedruckten kleinen quadratischen Servietten platzierte ich die Bestellung vor ihm.
„Danke“, sagte er freundlich.
Da kam mir ein weiterer Gedanke: Er war einfach allein hier. Niemand kam alleine hierher, die meisten waren mindestens zu zweit. Business, Socialising und so weiter… Aber er war kein Businesstyp, ganz und gar nicht.
„Alles in Ordnung?“, fragte er plötzlich unvermittelt. Vielleicht hatte ich wieder zu sehr gestarrt, vielleicht sah man mir aber auch einfach nur meinen Seelenzustand an.
Ich lächelte gezwungen, versuchte, so diskret wie möglich zu wirken. „Warum fragen Sie?“
Statt zu direkt zu antworten, wurde er von einem heiseren, gutmütigen Lachen geschüttelt und hielt sogleich mir sogleich die Hand hin: „Oh, entschuldige“, sagte er dabei. „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Jack.“
Ich zögerte einen Augenblick, bevor ich, überredet durch seinen friedfertigen Blick, einschlug und sagte: „Sandra.“
Er zog den Beutel aus seinem Tee, der mittlerweile wahrscheinlich viel zu stark war. Aber gut, er musste ja damit leben. Und während er die Tasse anhob, fragte er weiter: „Schon lange hier?“
„Seit drei Jahren.“ Ich übte mich immer noch in Zurückhaltung. Schliesslich wollte ich ja nicht forsch wirken oder so, musste das Gesicht wahren und ausserdem; was, wenn das ein Test war? Wenn unser Boss jemanden engagiert hatte, um zu sehen, ob wir in jeder Situation seriös bleiben konnten. Nee, Quatsch, unser Boss tickte nicht so. Das wäre ihm wohl zu teuer und unnötig. Handkehrum…
„Zwei Jahre, hm?“, fuhr Jack fort. Und dann senkte er die Stimme: „Hältst es ja ganz schön lange aus.“ Seine Augenbrauen vibrierten eine wenig und ich musste einfach lächeln. Er trank einen Schluck. Ich sagte nichts, zuckte nur die Schultern und wartete ab. Dann überraschte er mich irgendwie, auf subtile Weise. Er senkte die Tasse ein wenig, stellte sie aber nicht ab. Noch einmal schenkte er mir ein Lächeln, hob die Tasse wieder an die Lippen und trank den ganzen Tee in einem Zug aus. Gut, es gab solche Menschen, bestimmt auch solche. Die Tee einfach in einem Zug tranken.
„Tust du mir einen Gefallen, Sandra?“, sagte er dann, weiterhin mit freundlicher, gedämpfter Stimme. Ich war etwas irritiert, denn das war dann doch eine Frage, die ihn verdächtig machte und er beruhigte mich umso mehr, in dem er eine Note aus dem Portemonnaie zog und sie mir auf die Bar schob. Einen Moment behielt er noch seine Hand darauf und sagte: „Was immer du tust: Geh weiter, Sandra. Geh voran. Kannst du das für mich tun?“
Ich nickte etwas verwirrt, brachte irgendwie ein schwaches „nichts weiter?“ hervor.
„Nichts weiter“, sagte er mit sanftem Blick. „Nur das. Geh voran, tu‘ was immer du tust, was immer du tun willst. Aber bleib niemals stehen, ja?“
Ich nickte erneut. „Ok.“
„Ok“, wiederholte er und zwinkerte, „der Rest ist für dich.“
Damit liess er die Note los. Zwanzig Euro. Aber der Tee kostete doch nur vier Euro. Ein Irrtum?
„Jack“, begann ich, doch er hatte sich bereits weggedreht. „Sie haben zu viel bezahlt“, rief ich ganz formal, um die anderen wenigen Kunden nicht zu empören. Doch Jack hob nur die Hand in einer winkenden Bewegung und dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Ich nahm die Note an mich, steckte sie in die Kasse, wechselte so, dass ich mein Trinkgeld in die entsprechende Börse dafür legen konnte und fasste wieder den Putzlappen. Der Tomatenfleck auf dem Tisch war tatsächlich weggegangen, was mir erst jetzt auffiel. Doch ich schrubbte trotzdem weiter, dieses Mal die Arbeitsfläche hinter der Bar, einfach, um etwas zu tun zu haben.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stormys Fortsetzungsgeschichte: Das gebrechliche Herz
BeitragVerfasst: 7. Okt 2011, 16:21 
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In dieser Nacht ging ich mit gemischten Gefühlen nach Hause. Einerseits war mir mulmig, andererseits beschlich mich ein kaum zu bändiger Enthusiasmus, wofür wusste ich nicht, der nur so darauf zu warten schien, mich zu überrennen. Geh weiter, hatte er gesagt. Was immer das heissen mochte. Sollte ich meinen Job hinschmeissen? Oder schlimmer, mich von Alger trennen? Nein, das konnte unmöglich die Idee sein. So etwas würde niemand von mir erwarten. Und selbst wenn: Was kümmerte mich das? Was sollte ich auf die ominöse Aufforderung eines Fremden geben? Nun, dieser Fremde hatte irgendeine Wichtigkeit, wenn ich nur nicht wusste, auf welche Art und Weise sich das äussern würde. Ich spürte, dass da etwas dran war, an ihm, an seinem Auftauchen und seinem Verhalten. Irgendetwas.

***
Fortsetzung folgt…

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 Betreff des Beitrags: Re: Stormys Fortsetzungsgeschichte: Das gebrechliche Herz
BeitragVerfasst: 28. Okt 2011, 16:34 
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In den Wochen darauf ging es Alger zusehends schlechter. Oder genaugenommen, zuhörends, denn gesehen hatte ich ihn ja noch nicht. Aber wir telefonierten, wann immer wir die Zeit dafür fanden. Und in meinem Alltag kamen mir weitere komische Dinge unter.
Eines Nachmittags im Archiv flatterte ein mehr oder weniger zernittertes A6-Notizpapier zwischen den Akten zu Boden. Gewissenhaft nahm ich es auf und las: "Summer Moved On - Einstieg für Review. Beschreibt die Gesamtstimmung sehr gut." Summer Moved On. Das war ein zehn Jahre altes Lied. Einige Sekunden lang blieben meine Gedanken an der Frage hängen, ob dieser nun nicht mehr so vielsagende Fetzen Geschreibsel zehn Jahre lang hatte herumliegen können oder ob da jemand wohl einen Chaostempel als Büro hatte oder ob beides zutraf.
Doch dann wurde der Hebel in meinem Gehirn umgelegt. Die Worte zeichneten sich vor meinem inneren Auge ab, als würden sie just in diesem Moment nur für mich niedergeschrieben: Der Sommer ist vorbei. Der Sommer war nicht vorbei. Zumindest hatten die ersten kühlen Herbsttage begonnen. Hier ging es um das Vorbeiziehen von etwas. Um Vergänglichkeit. Da kam mir wieder in den Sinn, was der seltsame Fremde aus der Dinner-Bar gesagt hatte: "Geh weiter." Was auch immer es war, dies war mein zweiter Hinweis. Was auch immer wollte, dass ich was auch immer tat, war nicht allein von dem Fremden ausgegeangen.
Ich atmete durch und versorgte die Dokumente als wäre nichts gewesen. Doch auf einmal fühlte ich mich mehr Fehl am Platz in dem staubigen Raum mit den klapprigen Regalen, als je zuvor.

Nur wenige Tage später erlebte ich eine ungewohnte Szene vor meiner Wohnung. Die Tür zum Treppenhaus stand weit offen und davor waren haufenweise Kisten und Müll angehäuft. Kaum hatte ich meinen Briefkasten gecheckt und wollte hineingehen, stolperten mir zwei etwas unbeholfene, aber starke Jungs entgegen. Das Sofa, das sie trugen, schien fast ein kleines Eigenleben zu führen. Es schwankte hin und her und der vordere Herr nickte mir angestrengt lächelnd zu. Der hintere - mein Nachbar - zwängte ein freundliches "Hallo Sandra" zwischen seinen zusammengepressten Zähnen hervor. Sein Kopf war rot wie eine Leuchtkugel und die beiden waren sichtlich froh, als sie das schwere Teil draussen auf den Gehsteig plumpsen lassen konnten.
"Mark, hi", sagte ich. "Sag mal, was gibt das denn, wenn es fertig ist, Rundumerneuerung?"
"Nein", keuchte er, immer noch mit freundlichem Lächeln. "Ich ziehe aus."
Einen Moment lang war ich wie gelähmt.
"Von heute auf morgen?", fragte ich, konnte nicht glauben, was er da sagte.
"Nun, eigentlich", begann er die Erklärung, "habe ich fristgerecht gekündigt. Ich hatte dir das in dem Fall noch nicht erzählt, hm?"
"Nein, tatsächlich nicht. Ich bin völlig überrascht."
"Das sieht man." Sein Lächeln wurde ein wenig amüsierter. "Tja, dann... schönen Abend noch."
"Schönen Abend", sagte ich und ging die Treppe hinauf zu meiner Wohnung.
Vom Küchenfenster aus sah ich den Lieferwagen, der gerade ankam, um Marks Wohnungseinrichtung einzuladen. Dieses Bild erschien mir zwar völlig normal, aber was ich empfand, als ich es sah, war pures Unbehagen. Wieder wollte ich weg, raus. Wieder keimte dieser Drang, woanders zu sein in mir auf.
Ich manövrierte eine Pfanne aus dem Schrank und setzte Wasser auf. Rahm-Nudeln würden für diesen Abend reichen.

***
Fortsetzung folgt...

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Wenn du nicht für etwas stehst, wirst du für irgendetwas fallen.


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